 ja sehr fromm ... Und -
friedliebend ist der Kaiser ja auch - aber er liebt seine Armee und tut so viel
für sie ... was Friedrich Tilling wollte, ist ja recht schön; aber nur darf man
das Militär nicht angreifen ... je stärker das Heer ist und je besser gerüstet,
desto weniger werden die anderen sich trauen, Krieg anzufangen ... was würde
auch aus allen Söhnen des Adels werden, wenn man weniger Offiziere brauchte? ...
Und dann: es ist gar nicht anständig, nicht patriotisch, wenn man gegen den
Militarismus loszieht - das tun ja die sogenannten Roten, die alle Ordnung
untergraben wollen ...«
    Rudolf wehrte derlei Einmengungen zwar ungeduldig ab, aber in einer Form
oder der anderen schwirrten sie immer wieder um seine Ohren. Es war ihm daher
beinahe wie eine Erleichterung, als er nicht gewählt wurde; denn zu dem Kampf,
der im Reichsrat aufzunehmen war, hätte sich noch der Kampf mit den Seinen
gesellt. Er wäre zwar nicht zurückgeschreckt vor diesem Kampf, und war
entschlossen, bei nächster Gelegenheit wieder auf den Plan zu treten.
    Den vor längerer Zeit seiner Mutter mitgeteilten Plan, mit den Führern der
Friedenssache in brieflichen und persönlichen Verkehr zu treten, hatte er
ausgeführt. Er schrieb an Hodgson Pratt und Randal Cremer nach London, an
Frèdéric Passy und Simon nach Paris, an Franz Wirt nach Frankfurt a. M., an
Virchow nach Berlin, an Professor Graf Kamarowsky nach Moskau, an Teodoro Moneta
nach Mailand, an Ruggiero Bonghi und Beniamino Pandolfi nach Rom, an Frederic
Bajer nach Kopenhagen, an General Türr nach Budapest; von diesen erfuhr er
genau, wie die »Bewegung« für Frieden und Schiedsgerichte in den verschiedenen
europäischen Ländern stand und in das bekannte Protokoll gab es wieder viel
einzutragen. Hätte Rudolf dem Parlamente angehört, so würde er versucht haben,
sich an die Spitze einer österreichischen Gruppe der Interparlamentarischen
Union zu stellen. Eine solche entstand anlässlich der im November 1891 in Rom
tagenden interparlamentarischen Konferenz, und zur Anregung dieser Bildung hatte
er redlich beigetragen.
    Im übrigen war und blieb er ein Feind des Vereinswesens. Marta hatte ihm
nahegelegt, dass für ihn die beste Art, Tillings Ideen zu verwirklichen, darin
bestände, die internationale Bewegung, mit deren Trägern er ja so eifrig
korrespondierte, nach Österreich zu verpflanzen, indem er auch in Wien einen
Verein ins Leben riefe, dessen Mitglieder dann an den alljährlichen Kongressen
teilnehmen würden. Aber dazu konnte er sich nicht entschließen. Er war nicht,
was so viele Menschen nach mehrjähriger Erfahrung werden - vereins müde denn er
hatte darin keine Erfahrungen, - sondern er war vereins scheu. Konkrete Dinge,
wie beim Roten Kreuz, Rettungsgesellschaft
