. Wir werden auch keine Direktive
von oben annehmen, wie wir uns zu dieser oder jener politischen Frage zu äußern
haben. Auch gut. Dafür aber müssen wir uns selber eine Direktive geben - einen
festen Weg vorzeichnen - sonst gleiten wir unversehens ins reaktionäre oder ins
revolutionäre Lager. Hauptsache ist doch, dem liberalen Prinzip zum Sieg zu
verhelfen, nicht wahr? Also ist es doch geboten, dass wir in unsern Leitartikeln
die Grundsätze und die Taktik der liberalen Partei zielbewusst vertreten.«
    »Die Taktik dieser Partei ist mit ihren Grundsätzen oft in direktem
Widerspruch,« warf Bresser ein.
    »Das beruht dann auf kluger Erwägung der gegebenen Umstände.«
    »Opportunismus,« murmelte Bresser.
    »Nennen Sie es Opportunismus, wenn Sie wollen. Man muss ja doch mit den
realen Verhältnissen rechnen. Man kann, wenn man, um seine Prinzipien desto
besser durchzusetzen, regierungsfähig werden will, nicht in allem Opposition
machen; man muss gewisse Forderungen der Regierung - z.B. in der Militärfrage -
opfermutig bewilligen, schon um sich loyal zu zeigen, um keinen Zweifel an
seinem Patriotismus aufkommen zu lassen. Kurz, man muss, um nicht irre zu gehen,
um das segensreiche Wirken unserer Partei zu unterstützen, fest und unentwegt zu
ihr halten.«
    »Dazu hätte man nicht erst eine neue Zeitung zu gründen gebraucht,« bemerkte
einer der Journalisten. »Wir besitzen ja in Wien ein Weltblatt, das mit Ihrer
Partei durch dick und dünn geht.«
    Bresser öffnete und schloss mehrere Male hintereinander die Lippen - aber er
sagte nichts. Ein zorniges Gefühl stieg ihm in die Kehle - ein Gefühl, das einen
trockenen und bitteren Geschmack hatte. - Macht haben und allein sein: das ist
das einzige, um Großes, Neues durchzusetzen, - sagte er sich im Geiste - statt
all dieser Finanzprotzen, Politikaster und Federfuchser, er allein mit ein paar
Millionen in der Hand, dann flöge das Blatt, genau im Geist seines Prospektes
beschaffen, schon in vierzehn Tagen in alle Welt. Die kongenialen Kräfte kämen
dam schon von selber herbei. Aber hier - das sah er jetzt kommen, würde das
Unternehmen an den gegensätzlichen Willensrichtungen scheitern, oder in irgend
ein altes Geleise hineingleiten. Schritte zu machen: zu diesem Beschluss raffen
sich beratende Körperschaften schon auf: aber nur schön vorsichtshalber auf -
ausgetretenem Wege. Einen neuen Weg vorzuschlagen, das wagt immer nur der
einzelne.
    Nach langer Debatte, an der sich Bresser nicht mehr beteiligte, wurde ein
Vorschlag eingebracht und angenommen, dahin gehend, dass aus der Mitte der
Teilnehmer eine engere Kommission gewählt werde, bestehend aus zwei
Kapitalisten, zwei Reichsratsabgeordneten und zwei Schriftstellern, welche über
die Redaktion, über die Annahme und Ablehnung von Artikeln
