
Gesellschaft ganz gleichgültig und sie arbeiten nichts dafür. Ich aber glaube an
ein allgemeines - nicht individuelles - ewiges Leben, ein Leben, an dem wir alle
gleich teilhaftig sind. Stets enthält die Welt ein bewusstes, leidendes,
geniessendes, höherstrebendes Ich - gleichviel, ob die einzelnen Erscheinungen
davon hier und dort gestorben oder noch nicht geboren sind ... Aber lassen wir
das - um mich Dir verständlich zu machen, müsste ich lange sprechen, und ich muss
Dir ja anderes sagen.«
    »Ich glaube doch zu wissen, was Du meinst. Zum Beispiel: eine große,
lodernde Flamme; die einzelnen Funken zerstieben, andere entzünden sich - es ist
aber dasselbe Feuer und brennt weiter.«
    Marta nickte:
    »Und soll nicht nur weiter brennen, sondern immer lichter und immer heißer,
damit jeder einzelne Funke, der sich neu entzündet, desto fröhlicher sprühen
kann ... Und so wird das kommende Jahrhundert die krieglose, die elendlose Zeit
bringen, und die das herbeiführen helfen, erfüllen das Gesetz ... die allein
sind auf dem richtigen Wege - mögen sich ihnen tausend Hindernisse
entgegenstemmen, mögen sie verkannt, verspottet - vernichtet werden, ihre Arbeit
baut das Kommende auf. Überdauern sie den Ansturm der Gegenkräfte, so können sie
ihren Sieg noch sehen. Dir, Rudolf, kann es beschieden sein, Du bist noch jung.«
    »Ich sehe schon heute, Mutter, dass jener Bau sich zu erheben beginnt, zu dem
ich einzelne - verschwindend kleine - Steinchen trage und so lange ich lebe,
tragen werde. Lass mich die Feierlichkeit dieser Fiktion, dass Du eine Sterbende
seist, benützen, um den unverbrüchlichen Eid zu leisten, dass ich in dem
begonnenen Kampfe niemals erlahmen werde, dass keine Lockungen und keine Trübsale
mich vermögen sollen, von meiner Aufgabe abzulassen. Ich gestehe, dass ich
manchmal verzagte ... in ähnlichen Augenblicken werde ich an die gegenwärtige
Stunde denken, an diese feierliche Erneuerung meines Fahneneides.«
    Bei den Worten: »dass Du eine Sterbende feist« hatte er sich auf ein Knie
herabgleiten lassen und Martas herabhängende Hand erfasst. Zum Schluss drückte er
einen Kuss darauf und setzte sich wieder auf seinen vorigen Platz.
    »Danke, mein Kind. Und noch eins: glaube nicht, dass ich - eine Art
weiblicher Abraham - meinen Sohn einem fremden Wohl opfern will. Ich sehe im
Gegenteil, dass Dir die höchste Genugtuung winkt, wenn Du Dich dem Geist der
wachsenden Kultur verbündest, wenn Du - geschehe was wolle - ausharrst als
Streiter der Güte. Die Zukunft gehört der Güte - das Wort stammt von Tilling -
aber damit die Güte zur Eroberin werde, zur Welteroberin, dazu braucht sie ihre
kraftvollen Helden. Mögest
