 wir nicht
auseinander gerissen worden, ohne uns gesagt zu haben, was zu sagen war. Also
reden wir jetzt, als wäre es meine letzte Stunde ... es ist ja nur eine Fiktion
... der Schmerz fällt weg, aber die Feierlichkeit soll bleiben ... Wir sind doch
zwei vernünftige Menschen, Rudolf - wir wissen, dass der Tod, wenn er einmal
angeklopft hat, bald wirklich zu kommen pflegt ... schüttele nicht den Kopf - es
ist so ... Und wir wissen auch, dass sein Kommen oder Wegbleiben nicht dadurch
bestimmt wird, ob man von ihm spricht oder nicht. Wir beiden haben schon
schlimmeren Todesfällen ins Gesicht geschaut, mein armer Sohn, als es der meine
wäre! Ich habe meine Laufbahn vollbracht ... es ist Abend - ich fürchte mich
nicht vor der Nacht.«
    Sie nahm vom nebenstehenden Tischchen ein mit Limonade gefülltes Glas und
tat einen tiefen Zug.
    »So sprich, Mutter, ich höre,« sagte Rudolf ehrerbietig.
    »Ich bitte Dich - es ist meine letzte höchste Bitte - lass niemals nach in
dem Werk, das Du begonnen hast ... Wenn Du viele Enttäuschungen erlebst - wenn
Du auch wahrnimmst, dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige war, versuche
einen anderen, nur das Ziel verliere nicht aus den Augen - es handelt sich ja um
so Großes, so unausdenkbar Großes, um nichts Geringeres, als das Glück - das
Edelglück - der Welt, an Stelle ihres Elends.«
    »Ich verstehe Dich,« schaltete er ein.
    Bei den letzten Worten, die sie mit vor innerer Erregung bebender Stimme
gesprochen, hatte sie sich ein wenig erhoben. Jetzt lehnte sie sich wieder ganz
zurück und fuhr in ruhigerem Tone fort:
    »Man sollte meinen, wenn man diese Welt verlässt, dass es einem gleichgültig
sein müsste, wie die Zukunft der künftigen Geschlechter sich entwickelt. Das ist
aber nicht der Fall, wenigstens nicht bei mir. Die Sehnsucht nach besseren
Zeiten für unsere Enkel - wenn ich ja auch keine Enkel habe - brennt mir hier
auf meinem Totenbette ...« - Rudolf machte eine Bewegung - »es ist ja nur
Fiktion - brennt mir ebenso heiß auf der Seele, wie in der Zeit jugendlicher
Lebenskraft, da man noch hoffen konnte, jene Zukunft selber zu erleben. Das muss
ein Naturtrieb sein, diese Sorge um ein Jenseits des eigenen Lebens; und auf das
Vorhandensein dieses Triebes stütze ich meinen Unsterblichkeitsglauben.«
    »Das tun die Gläubigen auch, die auf einen Himmel hoffen.«
    »Ja, die erhoffen aber diesen Himmel für ihr eigenes Ich - außerhalb der
Erde und außerhalb der Menschen. Solchen ist gewöhnlich auch die Zukunft der
