 kämpfen und wirken, das möchte ich nur
in einer Richtung - und wie Du weißt, so weit meine Kräfte reichen, habe ich's
ja durch die Niederschrift meiner Lebensgeschichte auch versucht ... In anderer
Richtung fehlt mir das Verständnis - die Auffassungskraft. So gestehe ich Dir,
dass mich die neue Kunst vielfach abschreckt ... dass ich noch an allem hänge, was
ich in meiner Jugend als schön bewunderte und als gut kennen gelernt ... Ich
habe nicht versucht, aus Sylvia eine neue Frau zu machen; ich bin zu alt, um zu
-«
    »Vielleicht ist das der Unterschied zwischen uns,« unterbrach Rudolf. »Ich
bin jung ... Ich bin aufgewachsen in der gährenden Atmosphäre, in dem Sturm der
Moderne ... Freilich wehte mich dieser Sturm zumeist nur aus Büchern und
Zeitungen an, - denn die Menschen, mit denen wir verkehren, die leben noch so
sehr in den alten Anschauungen und Gewohnheiten, die wissen gar nicht, dass die
Welt sich bewegt. Höchstens fühlen sie, dass ein miserabler Plebs an der schönen
alten Ordnung zerren will - und das wehren sie verächtlich ab. Bis auf den alten
Grafen Kolnos kenne ich aus unseren Kreisen gar keinen Menschen mit modernen
Ideen. Es gibt deren gewiss ein paar Dutzend, aber ich kenne sie eben nicht.«
    »Von Kolnos habe ich heute einen lieben Brief bekommen,« sagte Marta. »Der
ist wirklich ein merkwürdiger und herrlicher Typus. Aber nicht, was ich unter
modern verstehe: nichts von Dekadententum, nichts von raffiniertem
Übermenschentum, nichts von tempelschänderischen Gelüsten.«
    »Du musst nicht gerade die krankhaften Erscheinungen des modernen Geistes ins
Auge fassen, Mutter -«
    »Freilich, Du hast recht; die meisten Missverständnisse kommen auch daher:
jedes Ding hat so verschiedene Aspekte - und zwei Menschen, die im Grunde
eigentlich gleicher Meinung wären, streiten über eine Sache, für die sie nur
einen Namen haben, die sie aber von zwei ganz verschiedenen Seiten betrachten
... Wovon sprachen wir eigentlich?«
    »Von Kolnos -«
    »Ja, richtig ... Wo habe ich seinen Brief? - Ah, da ... er hat mir sein
neuestes Gedicht geschickt ... da lies: er kennt meine schwache Seite, wie Du
siehst, sein Lied ist gegen die Kanonen gerichtet.«
    Rudolf nahm das Blatt und überflog es. Das dreizehn Strophen umfassende
Gedicht, betitelt: »Nach X-tausend Jahren«, schildert eine Szene der fernen
Zukunft, da man in dem vergletschert gewesenen Europa alte Funde ausgräbt und
darüber Forschungen anstellt, um den Lauf der Kulturentwicklung zu erkunden:
Gelehrte schreiben dicke Bücher
Und streiten sich wie heute auch
