
    »Verzeihen Sie, dass ich widerspreche,« unterbrach er jetzt. »Meine Meinung
ist die: nachdem Volksvertretung und Ministerkabinette die Stätten sind, wo dem
Leben der Völker die Richtung gegeben wird, so obliegt die Pflege des Ideals
gerade diesen; denn dahin strebt doch die Kultur: dass die Schönheitsideale und
Sittlichkeitsnormen das Leben durchdringen. Wir werden uns gegenseitig nicht
überzeugen, sehe ich - es wäre fruchtlos, weiter zu disputieren, dennoch habe
ich bei dieser Unterhaltung gelernt, sie hat mir einen tiefen Eindruck in die
Ursachen der gegenwärtigen Kämpfe und Kampfweisen gewährt ...«
    »Warum sagen Sie gegenwärtig? Es ist ja immer derselbe Kampf, mein Lieber,
wie er seit Erschaffung der Welt getobt hat und wie er in Ewigkeit weiter toben
wird - der Kampf zwischen Gut und Böse.«
    Rudolf schüttelte den Kopf:
    »In Ewigkeit? Das ist wieder eine Verkennung des Entwicklungsgesetzes.
Dieser lange Kampf ist aber nur darum bis heute unentschieden geblieben, weil
das Gute noch nicht versucht hat, sich durch Gutes durchzusetzen, weil immer
noch das Böse als Mittel sanktioniert ward. Ein neues, ganz neues Licht muss die
Geister erhellen - und das wird kommen. Gerade so, wie - auf physischem Gebiet -
das elektrische Licht entdeckt wurde, wird auf geistigem Gebiet eine neue
Erkenntnis erstrahlen, durch die die Macht des sogenannten Bösen - nicht mit
Unrecht Macht der Finsternis genannt - endgültig überwunden wird.«
    Wegemann zuckte lächelnd die Achseln:
    »Schwärmer!«
    »Danke,« sagte Rudolf, indem er aufstand. »Ich nehme diese Bezeichnung als
Ehrentitel an und - nichts für ungut. Ich füge nur hinzu, dass, wenn ich
einigermaßen schwärmerisch von der Größe einer vorhergesehenen Zukunft spreche,
ich dabei die kleinen, tunlichen, praktischen Schrittchen nicht übersehe, die
schon heute nach jener Richtung getan werden können, und die jeder von uns zu
tun sich bemühen soll. Jetzt adieu - und nochmals Dank für die lehrreiche
Unterhaltung.«
    Am selben Abend reiste Rudolf von Wien ab. Sein Ziel war Venedig. Vom
stillen Zauber dieser Stadt, dem er sich durch vierzehn Tage hingeben wollte,
versprach er sich Linderung für sein durch die letzten Vorgänge verwundetes
Gemüt.
 
                                     XXXII
In der Wohnung seines Vaters lag Hugo Bresser. Die Kugel, die ihn verwundet
hatte, war zwar glücklich gefunden und entfernt worden, aber noch schwebte der
Patient zwischen Leben und Tod.
    Im Krankenzimmer herrschte Halbdunkel; die Fenstervorhänge waren zugezogen,
denn Hugo vertrug kein Licht, es tat ihm weh. Am Kopfende des Bettes stand der
alte Vater, und an der Seite saßen zwei Frauen, Sylvia und Marta.
    Nach dem Duell hatte Anton Delnitzky Wien verlassen. Seiner Frau ließ er ein
Schreiben zurück, worin er ihr
