 bin ja, wie Sie
wissen, häufiger Gast bei unserer haute finance und kenne einige ganz
ausgezeichnete Leute unter jüdischen Doktoren ... aber wie gesagt, die
Antisemiten, deren Verfolgungsideen man ja durchaus nicht aufkommen zu lassen
braucht - haben ihr Gutes. Und wenn man sie unterstützt, so geschieht das
durchaus nicht, weil man ihre Ziele erreichen oder ihre Mittel anwenden will,
sondern weil sie indirekt dazu beitragen, andre Gegner fernzuhalten.«
    »Sie geben also zu, dass jene Partei von oben protegiert wird? Gehört etwa
Graf -« (er nannte Wegemanns Freund, den leitenden Staatsmann) »zu diesen
Protektoren?«
    »Allerdings -«
    »Ich kenne ihn doch als einen vornehm denkenden Edelmann, als einen milden
Christen, der unfähig wäre, solche Äußerungen zu indossieren, oder solche
Gehässigkeit zu fühlen, wie die antisemitischen Wahl- und Hetzreden zu schüren
trachten - und doch sollte er es opportun finden, diese Partei zu unterstützen?«
    »Mein Freund hat ein starkes katolisches Empfinden. Erst gestern sprachen
wir über die überhandnehmende religiöse Gleichgültigkeit -«
    »Ich bemerke eher, dass die klerikalen Einflüsse überhandnehmen.«
    »In manchen Kreisen allerdings. Anderseits aber -«
    »Also, wie denkt Ihr Freund über die Sache?«
    »Er sagte - ich habe mir seine Worte genau gemerkt -: Je mehr ich diese
Fragen erwäge, desto fester und klarer wird meine Überzeugung, dass sie es ganz
eigentlich sind, von deren Wendung die Zukunft der Geschicke Europas abhängt.
Die Krisis, in der wir leben, liegt in dem Kampf der Revolution gegen die
christlichen Ideen, auf denen seit mehr als tausend Jahren die staatliche
Ordnung Europas und seine Zivilisation beruht. Siegen diese Ideen nicht, dann
wird Europa zugrunde gehen und mit ihm die ganze Ordnung der Dinge. Dann folgt
ein Chaos, das so lange dauern wird, bis die christlichen Ideen wieder, wie in
den Zeiten Karls des Großen, allmählich die Geister gewinnen und wieder eine
neue christliche Ordnung der Staaten und Völker herstellen - was aber weder wir
noch unsere Kinder erleben werden. Wollen wir sie vor allen Greueln der Anarchie
und der Christenverfolgung bewahren, so müssen wir in Österreich dem Sturm wider
die Kirche Widerstand leisten.«
    Rudolf nickte vor sich hin.
    »Das stimmt zu meiner Auffassung,« sagte er. »Man sieht, man fühlt, dass all
die Dogmen schwanken, von denen man glaubt, dass sie die Grundlagen der
Zivilisation sind - (aber da möchte ich doch zwischen Klammern fragen, ob denn
die heutigen Staaten wirklich nach christlichen Grundsätzen verfahren? ... ich
wollte es wäre so, dann fielen dreiviertel meiner Anklagen weg!) - also, um
dieses hohe Gut, die Zivilisation,
