 nun zum eigentlichen Zweck meines Besuchs. Dass ich mich verabschiede,
weil ich heute abend auf längere Zeit Wien verlassen will, sagte ich schon; was
der Grund ist, der mich forttreibt, das will ich Ihnen jetzt sagen. Ich habe
hier vor kurzem etwas so Revoltierendes erlebt, dass ich eine Zeitlang eine andre
Luft atmen muss ... Aber Ihnen, der Sie dableiben, möchte ich etwas ans Herz
legen. Auf eine Gefahr möchte ich aufmerksam machen, die ich im öffentlichen
Leben aufsteigen sehe.«
    »Allerdings - Gefahren sehe ich auch. Zum Beispiel die überhandnehmende
Glaubenslosigkeit, der wachsende Materialismus - womit natürlich Verrohung Hand
in Hand geht -, die Begehrlichkeit der Massen und dergleichen mehr. Da gilt es
eben, dass die edleren Elemente sich zusammennehmen und alles aufbieten, um die
subversiven Kräfte nicht aufkommen zu lassen -«
    »Bitte,« unterbrach Rudolf, »reden wir nicht in vaguen Allgemeinheiten. Das,
was ich sagen will - die Sache, die mir bedrohlich scheint, ist etwas ganz
Positives. Es will sich hier eine Partei breit machen, die sich auf eine einzige
Idee stützt, nämlich die Idee einer Rassenverfolgung.«
    »Na ja - um auch positiv zu reden - Sie meinen die Antisemiten.«
    »Ja. Ich weiß, dass diese Partei, oder vielmehr diese Gesinnung sich
verbreitet und bis in die hohen und höchsten Kreise heraufdringt, aber sozusagen
incognito - während die Wortführer, die da offen diese Gesinnung als ein
politisches Programm ins Parlament bringen wollen, in ihren Reihen so
bildungslose, oder sich absichtlich roh gebärdende Individuen haben ... Wenn man
das gewähren lässt, so werden diese Leute in das parlamentarische und politische
Leben einen so rohen Ton, ein so niedriges Geistesniveau einführen, dass dabei -
abgesehen von der Verwerflichkeit des Verhetzungsprinzips überhaupt - sämtliche
politische Fragen herabgedrückt werden. Wenn ich Ihnen sagen würde, was ich
neulich aus dem Munde einiger neugewählter, von der Einwohnerschaft bejubelter
Vertreter dieser Partei für Ausdrücke boshaftester, beschränktester Gemeinheit
gehört habe - Sie würden schaudern.«
    »Ich weiß, ich weiß ... Sind ja einfache Vorstadtbürger - die reden, wie
ihnen der Schnabel gewachsen ist - im Abgeordnetenhaus werden sie schon den
parlamentarischen Ton annehmen müssen ... und anderseits muss man bedenken, dass
diese Wahlen doch einen Sieg über viel gefährlichere Kandidaten bedeuten. Von
den Antisemiten weiß man doch, dass sie gläubige Christen sind und dass sie alles
bekämpfen werden, was die Ultraliberalen und Sozialisten und dergleichen
unternehmen wollten, um an den Säulen von Thron und Altar zu rütteln -«
    Rudolf wollte etwas sagen, aber mit beschwichtigender Handbewegung fuhr der
Minister fort:
    »Mein Gott, ich selber habe ja nichts gegen die Juden ...
