 Wir drei sind
mit zu vielen Herzens-und Geistesfasern mit einander verwachsen, als dass uns
etwas auseinander reißen könnte. Auch die Ehe nicht ... Sieh mich, zum Beispiel
...«
    »Ja Du, mein Rudolf! ... Reden wir jetzt von Dir. Das ist der zweite
Gegenstand, den ich auf dem Herzen hatte. Du hast gestern, beim Tauffest, Worte
gesprochen, die tiefen Eindruck auf mich gemacht haben - die klangen wie eine
geliebte, längstverstummte Stimme -«
    »Und darum brachst Du in Tränen aus? ... Was sagte ich? Ich erinnere mich
nicht -«
    »Desto genauer erinnere ich mich - jedes Wort hat sich mir eingeprägt ... So
lange wir uns an die Vergangenheit klammern, werden wir Wilde bleiben - sagtest
Du - Aber schon stehen wir an der Pforte einer neuen Zeit - die Blicke sind nach
vorwärts gerichtet, alles drängt mächtig zu anderer, zu höherer Gestaltung -
schon dämmert die Erkenntnis, dass die Gerechtigkeit als Grundlage alles sozialen
Lebens dienen soll und aus dieser Erkenntnis wird die Menschlichkeit erblühen -
die Edelmenschlichkeit ... Aber, Rudolf, die Zukunft wird nur eine andere, wenn
die Gegenwart zu vorbereitender Handlung ausgenützt wird. Willst Du nicht
handeln?«
    »Ja, ich will. Das war es eben, was ich Dir mitzuteilen hatte. Was ich vor
mir sehe, ist dies: ein Sitz im Abgeordnetenhause. Die Schaffung - vielleicht
die Führerschaft einer neuen Partei. Daneben publizistische Tätigkeit ... In
Bressers Blatt wird mir allwöchentlich eine Spalte offen stehen -«
    »Und da wirst Du die Friedens- und Abrüstungsidee vertreten? Wie mich das
beglückt! Du weißt ja, dass sich eine interparlamentarische Union gebildet hat -
da könntest Du im österreichischen Parlament auch eine Gruppe zu bilden trachten
-«
    »Ich habe ein umfassenderes Programm im Sinn. Damit eine große Wandlung
angebahnt werden könne, müssen zehn andere große Wandlungen gleichzeitig
angestrebt werden.«
    Marta schüttelte den Kopf.
    »Gewiss,« sagte sie, »jede Wandlung ist von anderen bedingt, und zieht andere
mit sich - ob aber ein Mensch zugleich nach allen verzweigten Richtungen streben
soll? Wo bleibt da die Arbeitsteilung?«
    »Es gibt Dinge, die sich nicht teilen lassen, die ein großes Ganzes sind -
z.B. eine Weltanschauung. Je mehr ich mich umsehe im ganzen öffentlichen Leben,
je deutlicher erkenne ich, dass das, was not tut, eben dies ist: eine neue
Weltanschauung - eine neue Orientierung. Nicht Schrauben und Masten sind an dem
Schiffe zu ändern, auf dass es besser segele - der Kurs muss ein anderer werden.
Denn in seiner jetzigen Richtung gleitet es nach einem Maelstrom,
