 von meiner Arbeitskraft, verehrte Baronin. Nun ja, ich habe
Arbeitskraft und Schaffensdrang und wie sehne ich mich danach, beides
unmittelbar zur Geltung zu bringen. Geredet und geschrieben haben schon viele;
wurden sie aber dann vor das Tun gestellt, so versagten sie; sie schlossen
elende Kompromisse mit der seichten Unabänderlichkeit und anderen
Elendsbegriffen ab. Die Ehrlichkeit, die Übereinstimmung, das
In-Übereinstimmung-bringen von Lehre und Leben, darum handelt es sich für mich.
Und darin weiche ich nicht um eine Nagelbreite von meiner Erkenntnis zurück.«
    Wahrlich, ich kenne keinen Menschen, auf den besser als auf Egidy die Worte
passten:
Von Halbheit halte den Pfad rein,
Der ganze Mann setzt ganze Tat ein,
Und wahre Ehre muss ohne Naht sein.
                                                                   (Ernst Ziel.)
Dass solche Menschen leben, wie Moritz von Egidy, und in die Welt hinaustreten,
ihre Lehren zu verkünden, das ist doch ein großer Trost. Selbst wenn man an die
Macht der Heroen nicht glaubt, wenn man meint, dass die Kulturentwicklung sich
unabhängig vom Einfluss einzelner vollzieht, so kann man diese einzelnen - wenn
nicht als Bildner, so doch als Symptome der Kulturwandlung betrachten. Von der
langsamen, aber stetigen Entfaltung der Anti-Kriegsbewegung - dieser mein
Lieblingsaspekt jener Wandlung - gibt mir mein »Protokoll« fortgesetzt Kunde.
Bei der letzten Konferenz - in Bern - der interparlamentarischen Union sprach
Bundespräsident Schenk die Worte: »Es freut mich, so viele Volksvertreter zu
sehen, die für Friedensjustiz und Abrüstung ihre Stimme erheben; noch mehr würde
es mich freuen, wenn offizielle Vertreter der Regierungen zu einer Konferenz
über denselben Gegenstand zusammenträten. Und eine solche Konferenz wird
kommen.«
    Ob sich diese Wahrsagung erfüllen wird? Die Idee von einer Umkehr in dem
allgemeinen Rüstungswettlauf ist schon in die Kabinette gedrungen, das weiß ich.
Lord Salisbury hat vor kurzem ein vertrauliches Dokument vorbereitet, in welchem
die jährlichen Kosten des Militärs in Europa detailliert aufgestellt waren. Da
zeigte es sich z.B., dass in den Jahren 1882 bis 1886 die Staaten Frankreich,
Deutschland, Österreich-Ungarn, Grossbritannien, Spanien und Italien zusammen
eine Summe von 974715802 £ einzig für Heereszwecke verausgabt hatten. Das
Memorandum war anfänglich ausschließlich für das englische Ministerium bestimmt,
aber Lord Salisbury teilte es dem Deutschen Kaiser mit, der so frappiert davon
war, dass er privatim seine Absicht kundtat, eine europäische Konferenz
einzuberufen zwecks Erwägung praktischer Massnahmen, den allgemeinen Frieden zu
sichern. Daraufhin erhielt die halboffizielle Presse den Befehl, die Frage
aufzuwerfen - das Jahr 1890, ich erinnere mich, brachte eine förmliche
publizistische Kampagne über diesen Gegenstand. Das Projekt wurde in Frankreich
schlecht aufgenommen, wo man sich auf Elsass-Lotringen als auf ein jeden
Abrüstungsgedanken
