 nochmals: bist Du böse?«
    Marta verneinte mit stummen Kopfschütteln. Sylvia küsste sie.
    »Jetzt will ich gehen, Mama. Morgen komme ich wieder. Da wirst Du über alles
nachgedacht haben und mir Antwort geben können. Jetzt bist Du zu erschüttert.
Leb' wohl.«
 
                                     XXVIII
                             Aus Martas Tagebuch.
Ich werde meinem Kinde behilflich sein - nämlich die Ehescheidungssache zu ebnen
trachten. Vielleicht blüht ihr doch noch ein Lebensglück an der Seite des
geliebten Dichters.
    Glück, Glück ... dass wir alle immer nach diesem Phantom haschen; dass wir
immer glauben, wir hätten ein Anrecht darauf, nicht nur für uns selber, sondern
auch für alle, die uns teuer sind ... Für mich habe ich ja schon lange
abgeschlossen - aber in dem Glücke meiner Kinder hätte ich mich noch sonnen
wollen, und wie ist das nun anders gekommen! Beide in Kampf und Sorgen, beide
aus den normalen, gesellschaftlich gesicherten Lebenslagen gerissen, die ja der
solide Untergrund sind, auf den glückliche Existenzen sich aufzubauen pflegen.
    Bin ich nicht mit schuld daran? Ja - ich habe zum Kampfe aufgestachelt. Zu
der Aufgabe, Friedrichs Mission fortzuführen, habe ich meinen Sohn aufgezogen.
Er hat aber den Kampf auf ein Feld hinausgetragen - ein so großes und fernes -
wo ich ihm nicht mehr folgen kann.
    Und ebenso Sylvia. Ihr trotziges Auflehnen gegen die Urteile der Welt -
wodurch sie zur künftigen Befreiung der Frauen mitgeholfen haben will: auch
dahin vermag ich ihr nicht zu folgen. Sie mag ja recht haben ... Von Rudolf
hätte ich gewünscht, dass er, unter Beibehaltung seiner Stellung und Gründung
eines neuen häuslichen Herdes, sich auf einen Zweig der Kulturarbeit beschränkt
hätte: auf die Bekämpfung des Krieges - wie sie in meinem »Protokoll« von Abbé
de Saint Pierre und Leibnitz und Kant und - Tilling bis zu Frédéric Passy und
Egidy reicht. Da sich einreihen, zu den Kongressen die Kraft seiner
Persönlichkeit mitbringen, das Propagandawerk durch seine pekuniären Mittel
unterstützen, in hohen politischen und höchsten Machtkreisen, bei denen er doch
kraft seiner - nunmehr aufgegebenen! - Stellung Zutritt hatte, Proselyten zu
machen trachten: das war's was ich von ihm erhoffte. Aber er ist weit darüber
hinweggeflogen - zu weit, beinah ins Uferlose. Freilich: alle Übel sind mit
einander verschlungen und ein Geist vermag auch die ganze Verkettung zu
übersehen; aber positiv helfen, wirken, vorwärts bringen, das kann jeder
einzelne nur auf einzelnem Gebiet. So scheint es mir wenigstens.
    Verloren sind darum seine Arbeit und sein Streben nicht; zur allgemeinen
Einsicht, wie der künftige Tempel gebaut sein soll, kann er beitragen und
dadurch zur Inangriffnahme seiner Errichtung anfeuern, aber des Erfolges wird
