 deren Inhalt. Sylvia gab ihr Urteil ab, nicht im Tone der
Kritik, sondern einfach, indem sie sagte, was sie bei dieser oder jener Stelle
empfunden
    Seitdem sie einem Dichter ihr Herz geschenkt, war ihr die Beschäftigung mit
Dichterwerken zu einem genussreichen, lebenausfüllenden Studium geworden. In
einem schönen Gedichte - ob es nun von Hugo war, oder nur von ihm angepriesen -
konnte sie schwelgen, wie ein musikliebender Mensch in Melodien schwelgt. Zu
eigenem Schaffen brachte sie es nicht, hätte es auch gar nicht gewollt. Das
Vertiefen in die Werke der anderen gab ihr volle Befriedigung.
    Erst durch die Liebe war diese Passion in ihr geweckt worden. Das gehobene
und geradezu wonnige Entzücken, mit welchem sie an jenem Abend Hugos Dichtung
vorgelesen, hatte in ihr die Leidenschaft für alle Poesie angefacht, und von da
an versenkte sie sich mit Inbrunst in die Werke aller toten und lebenden Meister
des gebundenen Worts. Und ihr Dichter hielt - in ihren Augen - neben den
berühmtesten Literaturhelden Stand. Dass auch er die höchste Stufe seiner Kunst
erreichen werde, war für sie nicht zweifelhaft. Und sie blickte mit einer Art
Ehrerbietung zu ihm auf. Dass sie die große Dame, er ein eigentlich noch
unbekannter Literat und gesellschaftlich unbedeutender Mensch war, kam ihr gar
nicht zum Bewusstsein - er war der Gottbegnadete, der Anwärter auf die
Strahlenkrone des Ruhms - sie eine einfache, unbedeutende Frau.
Einige Tage nach dem Abschiedsdiner in Brunnhof erhielt Sylvia von Hugo einen
Brief, worin er seine Ankunft in Wien für den nächsten Tag ansagte.
    Es versetzte ihr einen freudigen und zugleich bangen Schreck. Die lange
briefliche Gemeinschaft war ihr zu teurer Gewohnheit geworden, dass sie beinahe
fürchtete, die persönliche Berührung könnte irgend eine Störung, einen Misston
hineinbringen.
    Dennoch gewann die Empfindung die Oberhand, dass der morgige Tag mit diesem
Wiedersehen ihr ein hohes Fest verhieß. Sie teilte es sich so ein, dass sie um
die Stunde, für die er sich angesagt, allein zu Hause war.
    Es war Nachmittag vier Uhr. Draußen schien eine helle und warme Herbstsonne.
Dennoch brannte im Kamin ein lustig prasselndes kleines Feuer. Und auf einem
Seitentische, über blauen Spiritusflämmchen, brodelte in silbernem Kessel das
Teewasser. Von der Straße her gedämpfter Wagenlärm. Magnolienduft vom
Blumentisch. Vor diesem steht Sylvia und pflückt eine Blüte ab, die sie an ihre
Taille steckt. Sie trägt ein Strassenkleid aus schwarzem Samt - eben war sie von
einer Ausfahrt heimgekommen - auf ihren Wangen lag frisches Rot und die Augen
funkelten.
    In einer halben Stunde sollte er kommen, doch schon jetzt ertönte die
Klingel.
    Ein Besuch? Nun, die Losung war gegeben, niemand anderer sollte vorgelassen
werden als Bresser - und Anton war von Wien abwesend.
