 trotz Entartung und Vernichtung der
Einzelorganismen - zu immer höheren, feineren und vielfältigeren Formen sich
entfaltet, so wird man diese ewigen Hemmungen und Bekämpfungen aufgeben, mit
denen man jetzt jedes sich entfalten wollende Neue, statt zur Quelle der Freude
und des Gewinns, zur Quelle des Leidens, der Unterdrückung und der Verfolgung
macht. Die Entwicklungsgesetze erkennen und danach die Gesellschaftsordnung und
das sittliche Verhalten regeln: - das ist der Weg zum Heil
Rudolf hatte während seiner Abwesenheit fast täglich an seine Mutter geschrieben
und ihr von allen seinen Arbeiten und Plänen Mitteilung gemacht. Die Nachricht,
dass er auf das Majorat verzichten wolle, versetzte ihr einen gelinden Schlag.
Welche Mutter wird leichten Herzens erfahren, dass ihr einziger Sohn sich des
Glanzes und des Reichtums begeben will, der sein Besitz ist? Marta hatte der
stillen Hoffnung Raum gegeben, dass Rudolf nach Verlauf einiger Zeit den Verlust
verwinden werde, den er durch den Tod der Seinen erlitten hatte, und sich wieder
verheiraten würde - und vielleicht mit einer Frau, die ihm geistig ebenbürtiger
wäre, als es die arme Beatrix gewesen ... Sein Entschluss aber deutete darauf
hin, dass er nicht daran dachte, sich jemals wieder einen Herd zu gründen,
sondern dass er sich von allen Fesseln - also auch von Familienfesseln -
freimachen wollte, um sich ganz seinem Apostolate hinzugeben.
    Die Größe dieser Opfertat erfüllte sie nun auch mit stolzer Bewunderung: Ihr
Rudolf war es, der so hingebungs- und entsagungsvoll handeln wollte, im Dienste
dessen, was ihr Friedrich erstrebt und was sein Beispiel und sein Andenken in
des Knaben Seele gepflanzt hatte ...
    Noch vor Rudolfs Rückkunft verließ sie Brunnhof, um ihren ständigen Wohnsitz
auf ihrer ererbten Besitzung, Grumitz in Mähren, zu nehmen. Dorthin überführte
sie alle die teuren Andenken an ihren Toten - Bilder, Bücher, Möbel - mit denen
sie sich stets umgab.
    In einer Richtung war es ihr sogar lieb, von Brunnhof wegzugehen. Der Ort
erinnerte zu sehr an den zuletzt durchlebten Kummer, an das Sterben der armen
jungen Frau und ihres lieben kleinen Enkelsohnes. Sie hatte den Knaben so
zärtlich in ihr Herz geschlossen, so schöne Zukunftshoffnungen auf sein Haupt
gesetzt. Er, der im zwanzigsten Jahrhundert jung sein und in voller Kraft in
neueren besseren Zeiten leben würde - der Erbe von Friedrichs und Rudolfs Ideen
- er würde deren Sieg wohl sehen, er würde vollenden, was sein Vater begonnen.
Diese Träume waren verweht, zerstoben ... Jeder Platz im Garten, wo der Kleine
gespielt hatte, jedes Zimmer im Hause, wo sein helles Stimmchen schallte, das
ganze Brunnhof, dessen einstiger Herr er geworden wäre, war ihr der
schmerzlichen Erinnerungen voll und sie verließ es nicht ungern.
Graf Max Dotzky, Rudolfs
