 Motto: »Miteinander, statt
gegeneinander.« Die Geschichte der Zivilisation, wie er sie auffasste, war ja nur
die Geschichte der wachsenden Gemeinsamkeit - zugleich die Geschichte der
überwundenen Brutalität.
    Wieviel unüberwundene Brutalität heute noch vorherrscht, das gab den Stoff
zum längsten Kapitel des Schriftchens ab. Und in welcher Weise sie überwunden
werden kann, das suchte ein anderes Kapitel zu verkünden: durch den Tatenmut der
Guten, den Wahrheitsmut der Wissenden. Ganz gut ist zwar noch keiner - - alles
weiß noch keiner; aber das, was die Vorgeschrittenen an Edelsinn und Vernunft
besitzen, das müssen sie hervorkehren - im Kampf gegen alles Unedle, das ihnen
begegnet, und sei es in den mächtigsten Sphären vertreten; - gegen alles Dumme,
und sei es hinter den gelehrtesten und heiligsten Masken verborgen.
    Dass der Gang der Zivilisation nur von elementaren, nur von wirtschaftlichen
und technischen Faktoren bestimmt werde; unabhängig von dem Wollen und Wirken
einzelner Menschen - das bestritt er. Ideen und Taten sind eben mit Elemente der
Kultur, sind - nicht die einzigen, sind aber auch die treibenden Kräfte. Gewiss,
Entdeckungen und Erfindungen verwandeln das Getriebe der Welt; aber das
Auftreten mächtiger Charaktere - im Guten und im Bösen - bestimmt es nicht
minder
    Und vor allem: die Summe der Einsicht, die aus der Summe der Kenntnisse
resultiert, regelt die Einrichtungen und Sitten der menschlichen Gesellschaft;
wer also irgend eine klare Einsicht gewonnen - über manche kommt es ja wie eine
Erleuchtung - der soll es hinaustragen, damit jene Summe sich mehre. Rudolfs
klare Einsicht war die: Das Elend - in seinen verschiedenen Formen - kann aus
der Welt geschafft werden und muss daher aus der Welt geschafft werden. Die
Erlangung der Seligkeit für jeden (das haben auch die Religionen so hingestellt)
ist eines jeden Pflicht. Aber wie? Kraft welcher Gebote und auf Grund welcher
Glaubenssätze? Das hat - wenn es um das irdische Heil sich handelt - die
Gesellschaftswissenschaft zu erforschen und zu lehren. Einige der Gebote sind
längst - auch von den alten Religionsstiftern - schon gefunden. Die goldene
Regel zum Beispiel: Was Du nicht willst, dass Dir geschehe, das tue auch einem
anderen nicht; Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht falsches Zeugnis
geben. Was aber die neue Einsicht und die neue Pflicht ist, das ist, dass diese
Regeln ebenso für das politische und internationale Leben zu gelten haben, wie
für die Lebensführung des einzelnen.
    Und welche Dogmen? Das wichtigste Dogma des sozialen Glaubens ist die
Evolution. Wenn man glaubt, - nein, wenn man weiß (die kontrollierbaren
Offenbarungen der Wissenschaft erzeugen »wissen«, nicht »glauben«), dass die Welt
und alles, was in ihr sich entwickelt -
