 Menschen, die einst auf der
Erde lebten und starben, steigen aus ihren Gräbern heraus, schütteln sich den
Schnee ab und sehen sich erstaunt an. Als sie merken, dass sie auferstanden sind,
fallen sie sich gegenseitig um den Hals und sind sehr gerührt.
    Ja! Ja! Wer hätte nicht gern ein neues Leben begonnen!
    Die Erde dreht sich schneller.
    Doch dieser große ernste Augenblick ähnelt einem großen drolligen
Maskenfest, denn alle Menschen haben Kleider an, die denen gleichen, welche sie
zu ihren Lebzeiten am häufigsten trugen. Die Bettler gehen neben den Königen,
die Priester neben den Kriegern, die Handwerker neben den Gelehrten - in all den
vielen Trachten all der vielen Zeiten. Vom Fellschurz bis zum gebügelten
Oberhemd ist alles da.
    Die Auferstandenen steigen die goldenen Stufen zu den Schlössern und Domen
empor. Es wimmelt man so!
    Alle Sprachen der Erde wirbeln durcheinander, dass es mächtig durch den
ganzen Himmel brummt und die Glocken nicht mehr zu hören sind.
    Oben aber vor den Türen der Schlösser und Dome stehen viele tausend Engel,
die nicht größer als die Menschen sind, in zarten hellgrünen, hellblauen und
hellroten Gewändern und warten.
    Feierliche Begrüßung! Händedrücken und Wangengestreichel! Kopfnicken und
Armgewackel! Viel Gelächter! Und viel lächelnde Behaglichkeit!
    Die großen Burgen, die aus reinen Riesendiamanten bestehen, sprühen ihren
Farbenbrand so festlich in die Dämmerung. Und die andern Edelsteine der weiten
Säulenhallen glänzen mit den reinen Riesendiamanten um die Wette. Und die
kostbaren Steingewächse, die aus den Domen aufstreben, sind auch so wunderbar.
Die Smaragdkuppeln einzelner Schlösser werden von innen erleuchtet und werfen in
den schwarzen Sanimetimmel weite grüne Lichtkegel, die sich langsam bewegen.
Die Saphirtürme ragen höher empor als die anderen Türme. Und das stille Licht,
das überall durch die tausendfarbigen Glasfenster hinausströmt, das schimmert so
heilig-bunt und verheissungsvoll. Ungeheure Palastgebirge sind mit riesigen
Opalbogen umgittert. Wenn das Auge von Pol zu Pol schweift, so wird es verzückt
bei all der Glanzglut. Der Bauzauber ist so gewaltig, dass man sich verwundert
fragt, wie es kommt, dass die auferstandenen Menschen nicht einfach toll werden.
Aber - so entsetzlich es auch ist, so wahr ist es: die meisten Menschen denken
bloß an das gute Abendbrot, das ihnen nach ihrer Meinung in den Domen und
Palästen von eifrigen Dienern vorgesetzt werden wird.
    Wie verblüfft sind da die Auferstandenen, als sie im Innern all der vielen
Glanzburgen gar kein Abendbrot finden! Männlein und Weiblein sehen sich
verwundert um, entdecken aber nichts. Draußen haben sie schon schmerzlich den
gänzlichen Mangel an Bäumen, Früchten und Gemüsen bemerkt - und jetzt ist auch
drinnen Alles nur unfruchtbarer Stein! Marmor und Rubine, Gold und Silber, bunte
Lampen und bunte Wände
