 jetzt warst du bei
mir. Heut aber hat es sich herausgestellt, dass auch deine Seele bei der meinen
ist. Effendi, weißt du, was das heißt? Noch nicht!«
    Er ließ seine Hand von mir herabgleiten, deutete nach dem Tempel, der drüben
hell im Sternenlichte stand, und fuhr fort:
    »Es gibt Welten, von denen du keine Ahnung hast. Wie die Sterne immer
weiter und weiter entfernt von der Erde liegen, so erheben sich diese Welten in
unirdischen Entfernungen über einander. Keine niedere kann die höher liegende
stören. Wer sich in eine höhere emporgerungen hat, der bleibt für die niedere
unerreicht; es sei denn, dass er freiwillig zu ihr niedersteige. In allen diesen
Welten gibt es Bewohner, welche die höhere entweder hassen oder sich nach ihr
sehnen. Die Hassenden sind für sie unschädlich. Die sich Sehnenden werden
emporgehoben. Es liegt eine unermessliche Macht in diesem Sehnen. Sie ist wie die
Gewalt des gläubigen Gebetes, welchem Chodeh nicht widerstehen kann, wenn es
selbstlos ist! Diese Welten sind vor deinem Auge unsichtbar, deiner Seele aber
wohlbekannt. Aber dass sie vorhanden sind, das kannst du fühlen, wenn sich in
deiner Seele Sehnsucht nach einer höheren regt. Diese Sehnsucht ist eine
schmerzliche, weil der Geist, von dem sie sich nicht trennen darf, nicht folgen
will. Er ist das Selbst; sie aber ist die Liebe. Er will nicht auf das
verzichten, was er jetzt besitzt, weil er nicht an das glaubt, was wohl ihr Auge
sieht, aber nicht das seine. - Wie unendlich glücklich bist da du, Effendi! Du
besitzest diesen Glauben; ja, er ist sogar doppelt dein: Was deine Seele glaubt,
glaubt auch dein Geist. Was sie erstrebt, wird auch von ihm ersehnt. Du wirst es
erreichen!«
    Er senkte den Kopf und schwieg eine kleine Weile. Dann sprach er mit
leiserer Stimme weiter:
    »So war es nicht bei mir! Mein Wesen war nicht ein vereintes wie das
deinige; es war geteilt. Der Zwiespalt wohnte zwischen meiner Stirn und meinem
Herzen. Ahnst du wohl, wie er hieß?«
    »Ahriman Mirza?« wagte ich zu raten.
    »Ja; er war es! Er ist's zu jeder Zeit, der sich zwischen Geist und Seele
drängt, um wo möglich beide zu vernichten. Du kennst ihn nicht in dieser
fürchterlichen Tätigkeit, weil bei dir Geist und Seele einig sind. Er konnte
nicht zwischen sie treten. Und aber dennoch solltest du ihn kennen. Er griff bei
dir an anderer Stelle zerstörend ein. Er drängte sich zwischen sie beide und den
Körper! Dein leibliches, dein äußeres Leben war es, welches er
