. Darum meine ich: Wer
Musik für andere macht, um begriffen zu werden, der soll der Natur so nahe wie
möglich bleiben. Der unmittelbare Nachbar der Natur ist der Gesang, den
jedermann versteht, weil er nicht auf das Wort verzichtet hat. Wir lieben ihn
und pflegen ihn. Er ist ein trauter Freund, der nicht in Rätseln sondern offen
mit uns spricht. Ja, dieser Freund ist sogar mit uns verwandt, ist hier geboren,
ist unser eigenes Kind, denn was wir singen, machen wir uns selbst! Die
Janitscharenmusik, welche in Teheran und Isfahan zu hören ist, bringt uns keinen
einzigen Gedanken, den wir begreifen und liebgewinnen könnten. Ist das auch
Musik, Effendi? Wenn die höchste Stufe der Kunst die ist, auf welcher sie mit
der Natur nichts zu schaffen hat, so musst du zugeben, dass ihr eigentlicher Zweck
nur der sein kann, das Ohr mit unbegreiflichem und blödem Lärm zu füllen.«
    Er hatte langsam und bedächtig gesprochen, aber doch fliessend und in einer
Weise, die mir deutlich sagte, dass er es mit einem Lieblingstema zu tun habe.
Es war ganz eigen, dass er, doch ziemlich ungefragt, mir die Resultate seines
Nachdenkens in so selbstverständlicher Weise dargelegt hatte, als ob er nur aus
diesem Grund zu mir gekommen sei. Ein einfacher, armer Dschamiki, und solche
Gedanken! Ob richtig, ob falsch, es waren Gedanken, und zwar keine gewöhnlichen!
Die Bewohner dieses weltentlegenen Tales mussten mir von Stunde zu Stunde immer
interessanter werden! Als er mich jetzt, auf eine Äußerung wartend, anschaute,
fiel mir der Ausspruch eines neueren deutschen Philosophen ein, welcher die
Musik als »tönende Weltidee« bezeichnet hat. Da neckte mich der Schalk, zu
versuchen, wie weit der Chodj-y-Dschuna mit diesem Worte in Verlegenheit zu
bringen sei. Ich sagte also:
    »Diese Art der Musik ist allerdings keine tönende Weltidee; das gebe ich
zu.«
    Mir geschah ganz recht: Ich hatte mich sofort meiner Hinterlist zu schämen.
Die starken Brauen zogen sich für einen Moment zusammen; ein kurzer,
verweisender Blick zuckte aus den ernsten Augen zu mir herüber, doch unverändert
und freundlich wie bisher klang seine Stimme, als er antwortete:
    »Tönende Weltidee! Das klingt sehr gelehrt. Ist dieses Wort von dir?«
    »Nein. Ich wohne nicht in so hohen Regionen. Es ist einer der größten
Weltweisen in Dschermanistan, welcher der Musik diesen Namen gegeben hat.«
    »Jeder Weltweise hat seine eigene Sprache. Ich weiß also nicht, was grad
dieser unter Weltidee versteht. Aber auch ich habe mir eine Idee von der Welt
gemacht und ebenso eine von der Musik, und beide
