Sehr richtig! Und wird sie durchschaut, so verschlimmert sie nur die Lage.
Sie verzehnfacht das Misstrauen und verstärkt die Gefahr, die man durch sie
vermeiden will. Das ist aber noch das Geringste, was ich gegen sie zu sagen
habe. Die Lüge, auch die Notlüge, ist eine Mörderin. Sie tötet die
Selbstachtung. Und geradezu fürchterlich ist es, dass der Lügner gar nicht
bemerkt, dass er diesen Selbstmord fortgesetzt an sich begeht. Grad er setzt gern
und stets den höchsten Trumpf auf seine Ehre. In Wirklichkeit aber fühlt er gar
wohl, dass sie ihm vollständig fehlt. Das macht ihn ungewiss und misstrauisch gegen
andere. Der Glaube an sie geht ihm verloren. Er verliert das Vertrauen zur
Menschheit durch seine eigene Schuld, durch seine eigene Lügenhaftigkeit. Er hat
das moralische Band, welches ihn mit Allen vereinigte, freventlich zerrissen und
muss an jedem Augenblicke gewärtig sein, als rechtsloser Mensch, als
Ausgestossener behandelt zu werden.«
    »Wie du das sagst, o Effendi, klingt es schlimm!«
    »Jawohl! Aber auch das ist noch das Schlimmste nicht. Das Allerschlimmste an
der Lüge sind die fliegenden Samen.«
    »Fliegende Samen? - Wie meinst du das?«
    »Es gibt Pflanzen, welche, wenn sie ausgeblüht haben, in ihren Kronen
hunderte von kleinen, leichten Hörnchen erzeugen, die alle mit einem weißen,
federfeinen Schirmchen versehen sind. Ein jeder Luftauch, der so ein Schirmchen
fasst, nimmt den daran befindlichen Samen mit sich fort, und da, wo er ihn fallen
lässt, entsteht eine neue Pflanze. So ein Gewächs kann durch diese Art der
Verbreitung in kurzer Zeit für eine ganze Gegend verderblich werden. Das Unkraut
verbreitet sich so, dass es nur mit der größten Anstrengung wieder auszurotten
ist.«
    »Und so tut es auch die Lüge?«
    »Ja. Sie ist grad dann am gefährlichsten, wenn sie nicht entdeckt wird, wenn
der Lügner seinen Zweck erreicht hat, wenn die sogenannte Notlüge die Not
scheinbar beseitigt hat. Da gedeiht die Lüge in größter Heimlichkeit. Niemand
sieht sie stehen. Niemand vernichtet sie. Nur der Lügner kennt sie. Er pflegt
und hegt sie. Er sorgt dafür, dass kein Mensch sie bemerkt. Er sieht darauf und
freut sich darüber, dass alle ihre Folgen und alle ihre Samen sich entwickeln.
Sind diese Folgen reif, so bleiben sie nicht an Ort und Stelle; sie werden
fortgetragen. Oft nicht weit, oft aber auch in große Ferne. Dort lassen sie sich
nieder und beginnen zu wachsen und sich zu vermehren. Die Lüge treibt tausend
neue Blüten, die alle, alle wieder Lügen sind, deren Samen dann weitergetragen
werden, hierhin und dorthin, in
