 im Leben geschehen kann.«
    Der Offizier schaute ihn eine ganze Zeitlang an, ohne ein Wort zu sagen.
Dann fragte er:
    »Du sagst niemals eine Lüge?«
    »Nie!«
    »Auch nicht in der Not?«
    »Nein. Es gibt keine Not, welche die Lüge rechtfertigt, denn die Lüge ist
die größte und entsetzlichste Not, an der die Menschen leiden!«
    »Aber deine Aufrichtigkeit wird euch euer Leben kosten!«
    »Du irrst!«
    »Ich irre? Du bist zweifellos verrückt!«
    Und sich an seine Leute wendend, fuhr er fort:
    »Ihr habt es gehört. Da steht ein Mensch, ein junger Mensch, der niemals
eine Lüge sagt, selbst wenn es ihm das Leben kosten sollte. Was sagt ihr dazu?«
    Ein allgemeines Gelächter war die Antwort.
    »Ich lache ebenso wie ihr,« stimmte er ihnen bei. Dann drehte er sich wieder
nach Kara um: »Ihr seid natürlich unsere Gefangenen. Eure Pferde gehören uns!«
    »Versuche es, sie dein zu nennen!«
    »Ich brauche es nicht zu versuchen, denn ich habe es bereits getan. Wir
bringen hier die größte Beute heim, die jemals gemacht worden ist! Du, Knabe,
bist der allerdümmste Kerl, den es auf Erden gibt! Dieser deiner Dummheit darf
ich beantworten, was du mich vorhin fragtest. Setze dich!«
    Er deutete auf einen Stein, der neben Kara lag. Dieser ließ sich auf ihn
nieder. Dies schien Gehorsam zu sein. Auch Tifl war von seiner Stute gestiegen.
Er trat zu Kara und setzte sich neben ihm auf den Boden nieder. Die Soldaten
umringten die Pferde, um ihre bewundernden Bemerkungen über diese ebenso
unerwartete wie unschätzbare Beute zu machen. Der Offizier aber sprach zu Kara
weiter:
    »Du hast also den Muhassil Omar Iraki nie gesehen?«
    »Nie,« antwortete der Gefragte.
    »Er war ein Herr, der einen starken Willen hatte. Kein Steuerverweigerer
konnte ihm widerstehen. Daher wurde er überall hingesandt, wo Andere vor ihm
nichts erreicht hatten. So kam er auch zu den Kalhuran, den räudigen Hunden,
welche nicht zahlen wollten. Grad hundert Reiter waren bei ihm, welche von den
Verweigerern als teure Gäste aufgenommen und verpflegt werden mussten. Nun waren
nicht nur die Steuern, sondern auch unsere Löhne zu bezahlen. Die Schuld wurde
von Tag zu Tag größer. Wir nahmen erst nur die Wolle, dann auch die Schafe
selbst. Das reichte nicht. Wir griffen natürlich auch nach den anderen Herden.
Da rotteten sich die Hunde zusammen, um uns zu widerstehen. Der Muhassil ließ
den Scheik Hafis Aram ergreifen und zu sich in das Zelt bringen
