 Gab es bei ihnen
überhaupt Satzungen? Waren sie mir verschwiegen worden, weil man annahm, dass nur
die Liebe, nicht aber die Konfession barmherzig sei. Was für ganz andere, viel
tröstlichere Gedanken waren mir gestern abend unter dem hiesigen Sternenhimmel
gekommen! Hier war ich nicht um meines Dogma willen, sondern als Mensch von
guten Menschen aufgenommen und mit größter Aufopferung gepflegt worden. Niemand
hatte mich gefragt, wo ich getauft und wo ich konfirmiert oder gefirmt worden
sei. Gibt das der Liebe einen mindern oder höheren Wert? »Wer ist mein
Nächster?« - »Der, welcher die Barmherzigkeit an mir tat!« Wenn aber ein Christ
mir Hass oder Neid anstatt der Liebe gibt, was ist er dann für mich? Mein
Nächster? Oder noch schlimmer als nur fremd? Ist er dann überhaupt ein Christ?
    Wie herrlich war der Nachmittag unter den Platanen, in deren Schatten man
für mich die Kissen zum Sitzen ausgerichtet hatte. Die Sonne brannte, doch
konnten die Strahlen nicht durch die dichten Wipfel dringen. Die Rosen dufteten;
jede Pflanze schien Wohlgeruch auszuatmen. Ich befand mich nicht weit genug vom
Hause entfernt, um es und seine Lage ganz überschauen zu können. Es stand auf
kompaktem Felsengrund, dessen Spalten durch festes Mauerwerk ausgefüllt worden
waren. Sein hinterer Teil nahm die natürlichen Höhlungen des Gesteines ein. Der
vordere Teil ragte frei empor, mehrere Stockwerke hoch und war von ansehnlicher
Breite. Das Dach war glatt, vorn mit einer assyrischen Mauerkrönung; wie man sie
in Dur-Sargon zu sehen bekommt. Doch habe ich ganz ähnliche Krönungen auch in
alten Orten des oberen Niles getroffen. Über dem Dache gab es in dem Felsen
offene Höhlungen, zu denen schmale Stege emporführten. Das erinnerte mich
lebhaft an den »Stabl Antar« bei Siut, der ganz ebenso zu ersteigen ist. In
einer dieser Höhlen sah ich die beiden Glocken hängen. Sie war halbkugelförmig
ausgebaucht. Die Tonschwingungen konnten nur nach der einen, offenen Seite
fließen, was ihnen eine erhöhte Stärke und beträchtlich erweiterte Hörbarkeit
verlieh.
    Glocken hier im persischen Kurdistan? So wird wohl mancher fragen. Ich habe
freilich viele, viele Menschen kennen gelernt, welche der falschen Ansicht sind,
dass nur das Christentum Glocken besitze und dass es in früherer Zeit noch keine
gegeben habe. Wenn sogar im Konversationslexikon von Pierer zu lesen ist, dass
die Glocken eine Erfindung der christlichen Kirche seien, so darf man sich nur
wundern. Kleinerer Glöcklein bediente man sich schon im frühesten Altertume;
aber schon im alten China gab es größere und sogar große. Die zu Peking ist über
zwölfhundert Zentner schwer und fast fünf Meter hoch. In Ägypten wurden die
Osirisfeste durch Glockenspiele eingeläutet. Man hat kleine Bronzeglocken in
Assyrien ausgegraben.
