 es fast erraten!«
    »Also stützen? Etwa ein Stock?«
    »Ja, ein Stock. Du sollst morgen versuchen, zum erstenmal wieder aufrecht zu
gehen. Und wenn es nur einige Schritte sind, so wird es dich doch stärken.«
    »Stärken! Jetzt bist nun du es, der das richtige Wort getroffen hat.
Stärken! Dass ich daran denken darf, morgen diesen Versuch zu unternehmen, das
lässt schon jetzt mich fühlen, dass es mir gelingen wird. Wie doch schon im
Gedanken eine so große Wirkung liegt!«
    »So schlafe dich recht aus! Es ist schon spät geworden. Chodeh behüte dich!«
    Er ging, und ich tat, was er gesagt hatte: Ich schlief bis tief in den
nächsten Vormittag hinein.
    Als ich erwachte, sah ich Hanneh und Kara bei Halef sitzen. Eben kam
Schakara vom Vorplatze herein. Sie sah meine Augen offen, nickte mir still zu
und glitt wortlos hinaus, um mir meinen Morgentrank zu holen. Da sie ihn mir
brachte, wurden die beiden andern auf mich aufmerksam und kamen zu mir herbei.
Ich hörte von ihnen, dass Halef zwar noch schlafe, aber sich zuweilen leise
bewege. Der Pedehr hatte angeordnet, sofort zu ihm zu schicken, sobald der
Kranke die ersten Zeichen gebe, dass er wieder bei sich sei.
    »Wieder bei sich sei!« Diese Worte ließ mich an meine gestrige
Unterhaltung mit dem Genannten denken. »Wieder bei sich!« Wer ist dieser »Sich«?
Dieser »Er« oder diese »Sie?« Dieses Wesen, diese Persönlichkeit?
    Nach der Ansicht des Pedehr ist es die Seele. Der »Geist« ist ihm Phantom.
Er kennt am Menschen nur den Körper und die Seele. Die letztere ist das
eigentliche Wesen. Was nun aber ist der Leib? Die Seele kann sich von ihm
trennen. Unter gewissen Umständen wird aus diesem Können ein Wollen, welches
sich sogar - jedenfalls beim Sterben - zum unbedingten Müssen steigert. Ist sie
die Herrin und der Leib der Diener? Oder ist dieses Verhältnis für ihn
vielleicht ein noch viel niedrigeres? Gleicht er einer, allerdings aus Organen
zusammengesetzten, Maschine, welche im Schlafe zu ruhen hat, während sie zu
dieser Zeit heimkehrt, um für den morgenden Tag neue Aufgaben und neue Kräfte zu
empfangen? Bleibt sie auch während dieses seines Schlafes und während dieser
ihrer Abwesenheit durch geheimnisvolle Fäden oder Beziehungen so mit ihm
verbunden, dass sie bei jeder Störung zu seinem Schutz zurückgerufen wird? Und
wenn es so ist, wo liegt das Heim, zu dem sie einst am Grabe völlig Rückkehr
feiert? Im Leibe keinesfalls! Die chemisch-mechanische Tätigkeit gewisser
Organe in ihm wird selbst durch
