 Worte legen zu können. Du sollst deinen Willen haben. Wer
Schonung bietet, der darf wohl selbst auch auf sie rechnen.«
    Wie das so klang! Sass da wirklich nur ein ungebildeter Dschamiki vor mir?
Zwar der Scheik des Stammes, aber doch ein Mann, der in Beziehung auf seinen
äußern und auch innern Werdegang allen andern Dschamikun gleichzurechnen war?
Wenn seine geistige Persönlichkeit bedeutend höher stand, als man nach seiner
Lebensstellung schließen durfte, so konnte das nur eine Folge seines
langjährigen Verkehres mit dem Ustad sein. Hatte ich aber dieses angenommen, so
trat sogleich die weitere Frage an mich heran, in welcher Weise und auf welchem
Wege wohl dieser letztere zu einer so hohen Entwickelung seiner Individualität
gelangt sein könne. Dieser mein Gedankengang wurde durch den Pedehr
unterbrochen, welcher weiter sprach:
    »Hast du Geist, Sihdi?«
    »Ich hoffe es,« antwortete ich.
    »Nein, hoffe es nicht! Du hast zwar dieses Phantom, aber eigentlich hat es
dich: du bist sein Sklave! Hast du Seele?«
    »Meinst du eine Seele oder Seele überhaupt?«
    »Sei nicht der spitzfindige, gelehrte Europäer, sondern antworte mir. Hast
du Seele?«
    »Ja.«
    »Nein, sondern auch sie hat dich; aber sie ist kein Phantom, sondern eine
erhabene, göttliche Wahrheit, der wir unser Anrecht auf die Seligkeit verdanken.
Das sagt ein halbwilder Asiat dem von der Weisheit dieser Welt erzogenen
Abendländer. Ob letzterer es glauben wird, das ist wohl sehr die Frage. Der
Osten hat den Westen schon so manches gelehrt, was entweder nicht geglaubt oder
nicht verstanden worden ist. Und nun der Orient dieser vergeblichen Belehrung
müd geworden ist, behauptet man, dass er alt und schwach geworden sei. Doch, ich
wollte ja nicht vom Ilmi ahwali nefs92, sondern nur als Hekim von der Krankheit
unseres Hadschi Halef zu dir sprechen. Über die Seele magst du mit dem Ustad
reden, der von ihr wohl noch mehr weiß, als was in seinen Büchern steht.«
    »Bücher?« fragte ich. »Er hat Bücher?«
    Da schaute mich der Pedehr mit einem Blicke an, der mir die Röte in die
Wangen trieb, und antwortete:
    »Ob - er - Bücher - hat -! Er besitzt sogar vier große, große Bibliotheken!
Die erste besteht im Kitab el mukkades93; die zweite ist sein Herz, in welchem
tausend herrliche Suren stehen; die dritte umfasst alles, was die Schöpfung
seinem Auge lehrt, und die vierte wirst du sehen, wenn du so weit genesen bist,
dass du die Treppe emporsteigen kannst, um ihn in seiner Wohnung aufzusuchen. Da
wirst du viele, viele Bände finden,
