 hinaus in das Freie schaffen lassen wollte,
die Bitte an mich, ihnen da draußen zu erzählen, was ich seit unserer Trennung
von den Haddedihn mit Halef erlebt hatte. Dagegen erhob aber der Pedehr ganz
entschieden Einspruch. Er wies sie auf die Anstrengungen ihres eigenen Rittes
hin und machte sie allen Ernstes darauf aufmerksam, dass sie sich jetzt unbedingt
ganz gründlich auszuruhen hätten. Halef bedürfe ihrer heut nicht mehr, da sowohl
er als auch Schakara in bester Weise für ihn sorgen würden. Sie mussten
gehorchen, und so kam es, dass ich dann später ganz allein draußen vor der Halle
saß, um dasselbe Schauspiel des Sonnenunterganges zu genießen, welches mich
gestern schon so erhoben hatte.
    Wie viele Menschen habe ich schon sagen hören, dass man die Schönheiten der
Natur niemals allein sondern stets in Gesellschaft genießen müsse. Ich bin da
ganz anderer Meinung. Schon das Wort »genießen« scheint mir da falsch gebraucht
zu sein. Ich könnte mit ganz demselben Rechte sagen, dass ich eine Predigt, ein
Oratorium, ein Kirchenlied »genießen« wolle. Auf mich wirkt die Natur erhebend,
und zugleich veranlasst sie mich zur Einkehr in mich selbst. Ich bin ein Teil von
ihr und kann sie nicht schauen, ohne mit ihr auch mich selbst zu betrachten.
Gesellschaft anderer Leute würde mir da nur hinderlich sein. Durch den Wald will
ich allein spazieren, außer ich bin gesellschaftlich gezwungen, noch jemand
mitzunehmen. Plauderei enteiligt mir die Tat. Denn ein solcher Gang zum
predigenden Walde ist für mich eine Tat, und zwar nicht bloß eine körperliche,
sondern mehr noch eine seelische. Werde ich begleitet, so bringe ich fast nichts
mit heim als nur die Erinnerung an das, was gesprochen worden ist.
    Ganz ebenso ist es mit dem Sonnenauf- und mit dem Sonnenuntergang. Jede
Bemerkung, jede Interjektion, sei sie auch noch so begeistert, muss, falls ich
sie anzuhören habe, die Erhabenheit und Heiligkeit des Augenblickes mindern. Ich
habe menschliche Gesellschaft gern, wie ich überhaupt die ganze Menschheit
herzlich liebe; aber die Natur will ich in ungestörter Einsamkeit auf mich
wirken lassen, und meine schönsten und gewiss auch besten Lebensstunden sind die,
in denen ich in stiller Nacht und ohne einen Plauderer neben mir dem ewig
frommen und ewig treuen Sternenhimmel in seine leuchtend hellen Augen sehe.
    So auch heut, wo ich allein und von höflicher Rücksicht frei vor der Halle
des »hohen Hauses« saß. Ich kenne ein Bild, »Die Genesende« unterzeichnet. Eine
weibliche Gestalt sitzt bleichen Angesichtes in hochgelegener, offener Laube,
von welcher aus einer der herrlichsten Punkte des Rheintales zu überschauen
ist. Soeben dem Tode entronnen, hat sie das Krankenzimmer mit dieser freien, vom
Blumendufte umwehten Stelle vertauscht
