 Kaidôh -
warum willst du bloß noch das Gewaltige?«
    Kaidôhs Zorn verraucht. Der Riese sieht seine Liwûna neben sich schweben und
weiß nicht, was er von ihren Worten halten soll.
    »Scherze nicht!« spricht er feierlich, »Du weißt, dass ich nicht anders
kann. Wenn du meine Sehnsucht bist, musst du mir eine gewaltige Stunde schaffen
können. Ich verstehe nicht, warum der Weg zum Gewaltigen so schrecklich weit
ist.«
    Sie schweben still zusammen weiter - immer zwischen den undurchsichtigen
Bernsteinsäulen - die unzählig sind, wie die Tropfen eines Meeres.
    Und Liwûna sagt zögernd:
    »In den Stunden des Lebens, die wir gewaltig nennen könnten, glauben wir
oftmals, nahe daran zu sein, alle Rätsel der Welt mit einem Blick zu
durchschauen. Es geht wohl was Großes mit uns vor. Eine geheimnisvolle Macht
scheint uns mit fernen Sternen zu verbinden - und uns auch hinter alle Sterne zu
führen - und wir nehmen gern an, dass wir mehr sind, als sonst. Viele fasten und
beten und kasteien sich, um zu solchen gewaltigen Stunden zu gelangen. Und die
bleiben vielen dennoch fremd. Man muss sich eben führen lassen wie Kaidôh und
warten können. Wäre der Weg zum Gewaltigen so bequem, so hätten wir gar kein
Recht von einem 'Gewaltigen' zu reden - denn es würde bald was Alltägliches sein
- und das Alltägliche ist nicht mehr gewaltig. Man muss sich also ruhig führen
lassen von seiner Liwûna - eine Liwûna kann doch jeder haben - nicht wahr, mein
lieber Kaidôh?«
    Kaidôh empfindet so was wie Eifersucht, ihm kommt aber diese Empfindung
gleich sehr lächerlich vor - er würde lachen - wenn er das noch könnte - er
bemerkt in seiner Aufregung gar nicht, dass Liwûna nur von ihrer lieben
Schwester sprach.
    Der stürmische Kaidôh will bloß noch mehr wissen - mehr von der gewaltigen
Stunde, in der nach seiner Meinung der gewaltige Geist, der alles umschließt,
im Innern des Empfänglichen für ein paar Augenblicke auflebt und das ganze
Dasein verändert.
    Die Liwûna sagt still:
    »Du sollst mehr wissen. Dazu habe ich dich hierher geführt. Es gibt hier im
Tempel noch so manche Flammenschrift. Blick nur scharf gradaus - auf einen Punkt
- dann wirst du schon was sehen.«
    Und Kaidôh tut unwillig, wie ihm geheißen wurde, und er sieht plötzlich
eine Wand von rot glühendem Eisen.
    Und in dem rot glühenden Eisen entsteht eine Schrift aus flimmernden Opalen.
Kaidôh kanns lesen und liest:
    »Es umrauscht dich ein wildes Meer, und tausend Stimmen schreien dir die
Ohren voll, und du verstehst nicht, was sie sagen. Sie sagen, dass alles, was
lebt, nur eines will: es soll nur wieder
