 wenn ich die Nähe des Allgeistes fühle - wenn
ich mich in ihm fühle?«
    Liwûna sagt nichts, er aber sagt laut:
    »Nein! Das sind gewaltige Stunden. Ich glaube auch nicht, dass ich die
stillen Stunden suche - ich suche die gewaltigen Stunden - in denen ich mich im
Allgeist fühle - und den Allgeist in mir.«
    Liwûna sagt wiederum nichts.
    Und er fühlt plötzlich heißes Blut in seinen Adern, und ihm ist so, als
ginge eine neue Kraft durch seine Sehnen, und er sieht schärfer gradaus, und er
glaubt, dass jetzt ein andrer in ihm auflebe - der neue Heiland - der gewaltige
Allgeist.
    »Eine gewaltige Stunde!«
    Also schreit er laut auf.
    Und er will die Arme heben und Fäuste aus seinen Händen machen.
    Und er kann nicht die Arme heben, und er kann nicht Fäuste aus seinen Händen
machen.
    »Deine Gliedmaßen,« flüstert die Liwûna, »sind ja viel zu groß geworden.
Du bemerktest wohl noch nicht, dass du vor der blauen Pforte noch ein gutes
Stück gewachsen bist. Du brauchst jetzt sehr, sehr lange Zeit zu jeder
Bewegung.«
    Er murmelt:
    »Das also nennt man Größe!«
    Er sieht scharf gradaus durch zwei gelbe Säulen durch in die Finsternis. Und
in der Finsternis bewegt sich was. Und aus dem Bewegten schlagen hellblaue
Flammen heraus. Und die Flammen bilden flackernde Buchstaben. Und Kaidôh kann
die Flammenschrift lesen, obgleich ihm die Schrift ganz unbekannt ist. Und er
liest:
    »Bilde dir nicht zu viel ein! Der Geist des Alls, der mehr als alles Große
ist, flüstert auch in dir. Aber er flüstert nur sehr wenig. Und das Wenige
kannst du nicht einmal verstehen. Wer gleich den ganzen Allgeist in sich zu
fühlen glaubt, stellt sich das Gewaltige allzu einfach vor; man könnte lächeln
und lachen. Du kannst nur langsam fühlen, dass ein Allgeist da ist - mehr kannst
du nicht. Sei still!«
    Und die Schrift erlischt.
    Und die Liwûna schwebt neben Kaidôh vorbei und aufwärts.
    Und er sieht gewaltige Goldgebirge, in deren Tälern nur noch wenige
Schneesterne schimmern - wie weiße Farbenreste.
    Die Goldgebirge sind Liwûnas Gewänder.
    Kaidôh steigt auch höher - und sieht in Liwûnas Antlitz - wie in eine
große, bunte Landschaft - und in der funkeln zwei Augen ihn an - wie
lichtbraune Sonnen aus Topasen. Und Liwûnas gewaltiger Mund öffnet sich. Und sie
sagt, während es über die weiten Gefilde ihres Gesichtes zuckt:
    »Du bist doch gar nicht ein bisschen neugierig. Weißt du, wer ich bin? Du
hast noch nie danach gefragt. Hast du mich nicht verstanden? Ich bin doch deine
Sehnsucht. Ich bin
