 nur von einer wilden freien
Leidenschaft getragen, gedeihen. Er konnte sich jetzt nicht von ihr trennen,
wollte er seine Arbeit nicht aufs Spiel setzen, noch weniger aber konnte er
gerade jetzt seiner Ansicht nach »spiessbürgerliche Entschlüsse« fassen.
    Und ihn um selbstsüchtiger Gründe willen um das Glück des Schaffens, um die
Hoffnung auf Erfolg bringen, das brachte Lotte nicht über ihr gutes,
nachgiebiges Herz. -
    In einem freien literarischen Verein, der große Hoffnungen auf Gerhart
setzte, hatte er kürzlich die beiden ersten vollendeten Akte seines Werkes
gelesen. Lotte war nicht dabei gewesen, aber sie hatte nicht nur von Gerhart
gehört, dass das Frühlingsdrama, selbst in dieser noch unfertigen Gestalt einen
Sturm des Entzückens erregt hatte. Der annwesende Direktor einer freien Bühne
hatte Gerhart die Aufführung im Herbst zugesichert, ja man hatte einen Vorschuss
aufgebracht, um sich das Stück zu sichern und Gerhart Schmittlein die
Arbeitszeit zu erleichtern.
    Dieser Erfolg hatte Gerhart, wenn das möglich war, einen noch erhöhten
Schwung für seine Arbeit gegeben. Im Juni hoffte er fertig zu sein. Dann wollten
sie ein paar Ferientage irgendwo in der Nähe verbringen. Auch Lotte würde es
nötig haben. Gerhart fiel es, trotzdem er ganz in seiner Arbeit lebte, doch auf,
dass sie in der letzten Zeit nicht zum besten aussah. Aber wenn er sie fragte,
wich sie ihm aus. Sie wusste selbst nicht, was ihr fehlte.
    An einem schwülen Junitage wurde das Frühlingsdrama vollendet. Am Abend las
Gerhart es Lotte in einem Zuge vor.
    So sehr ihr die erste Hälfte gefallen hatte, so tief es sie gerührt hatte,
unzählige feine Züge aus ihrem und Gerharts Liebesleben förmlich portraitähnlich
darin wieder zu finden, so wenig befriedigte sie der zweite Teil. Die ungeklärt
bleibenden Verhältnisse ängstigten sie, und Gerharts Antwort, als sie ihn nach
dem Warum fragte, bedrückte sie mehr, als dass sie sie beruhigt hätte. Wenn so,
wie er meinte, das wirkliche Leben aussah, wenn so, unausgeglichen und
verworren, es verklang, was hatte sie dann zu erwarten? Und doch war es ihr von
Tag zu Tag gewisser geworden, dass eine Klärung eintreten müsse. Etwas, das sie
seit kurzem mit geheimnisvoll süßem Schauer ganz erfüllte, drängte übermächtig
dazu. Noch hatte sie keine Gewissheit, aber ihr ganzes Wesen schien ihr selbst
wie von einem heiligen Wunder durchsetzt zu sein. In der ersten ruhigen Stunde
wollte sie's Gerhart vertrauen, dann musste ja Klarheit werden. An die
Möglichkeit, dass dieser fanatische Wirklichkeitsdichter hinter sein eigenes
Leben, hinter das ihre und vielleicht das eines Dritten ein Fragezeichen, eine
unlösbare Ziffer setzen könnte, um sich selbst treu zu bleiben, dachte sie
nicht. So weit hatte ihre gesunde Natur sich
