 großes Verbrechen mehr zu sein, hier mit ihm zu
sitzen. Im Gegenteil, sie war stolz darauf, dass ihm, dem zukünftigen berühmten
Dichter an ihrer Gesellschaft lag, dass er sie zu seiner Vertrauten machen
wollte, sie, das arme kleine Putzmachermädel, das in der großen Riesenstadt
Niemandem sonst etwas galt.
    Jetzt zog er das Heft, das er neulich Lenas wegen bei Seite gelegt hatte,
aus der Tasche und legte es vor sich hin.
    »Liebes Fräulein Lottchen, ehe ich Ihnen aus meinen Gedichten vorlese,
möchte ich, dass Sie einen Blick in mein Inneres täten.
    Sehen Sie, Fräulein Lottchen, alles, was ich bisher durchlebt habe, und
wovon Sie ja auch zum Teil schon durch die Tante wissen, ist mir nichts als eine
Vorstudie zu dem Endziel, das ich mir gesteckt habe. Das besondere Programm, das
mir zur Erreichung dieses Endzieles vorschwebt, würden Sie heute noch nicht
verstehen, darum spreche ich Ihnen nicht davon. Noch sind Sie zu sehr
eingewickelt in anererbte und anerzogene Vorurteile, um zu begreifen, wohin ich
steuere. Doch denke ich, wenn wir gute Freunde bleiben, werde ich Sie erlösen
und befreien, wie ich mich selbst - freilich zum Teil erst - erlöst und befreit
habe. Wollen Sie sich von mir befreien lassen, Lottchen?«
    Lotte verstand zwar kein Wort von alledem, aber wie Gerhart Schmittlein es
mit leuchtenden Augen sprach, klang es ihr alles so groß und erhaben, dass sie
in seine ihr dargebotene Hand einschlug und freudig die geforderte Zusage gab.
    Während er ihre Hand zwischen seinen plötzlich fieberheiss gewordenen
Fingern festhielt, fuhr er fort:
    »Auch ich bin noch lange nicht so frei, so hocherhaben über das
Alltagsgetriebe, wie ich es zu sein erstrebe, wie es meine Vorbilder sind. Sie
haben Ibsen, Nietzsche, Tolstoj, Schopenhauer nicht gelesen?«
    Lotte schüttelte ängstlich den Kopf.
    »Ich dachte es mir. Darum ist es, wie ich schon vorher betonte, schwer, ja
unmöglich, Ihnen vorerst mein Programm zu entwickeln. Den Hauptparagraphen
daraus wird Ihnen Ihr glücklicher, feinfühliger Instinkt vielleicht verständlich
machen. Ibsen hat einmal das gewaltige Wort ausgesprochen: »Der stärkste Mann
ist der, der allein steht«. Ich modle mir dies Wort als Lebensmotiv in ein
anderes, geistesverwandtes um, das da lautet: Der stärkste Mann ist der, der
frei ist, denn Freiheit ist Kraft. Diese absolute Freiheit, die der Kraft gleich
ist, verlange ich für mich als Bürger in meiner Stellung zum Staat, als
schaffender Künstler in meinem Beruf, als Mensch in der Liebe, und da, Lottchen,
wäre ich denn auf dem Punkte angelangt, von dem aus Sie meine Gedichte werden
empfinden und beurteilen
