 die
geistigen Vorbedingungen der wirtschaftlichen, etischen und religiösen
Gesittung nicht versagt. Wo aber sind die rechten Pioniere, welche den
wirklichen, echten, selbstlosen Beruf in sich tragen, nach diesem Wasser zu
bohren? Wer hier durch artesische Brunnen helfen will, der darf dies nicht von
der Berechnung abhängig machen, zu welchem Prozentsatze sich das dabei angelegte
Kapital verzinsen wird, auch muss er zunächst auf diejenige religiöse
Aggressivität verzichten, welche dort den sofortigen, fanatischesten Widerstand
hervorrufen und alles verderben, wenigstens das Gelingen auf unabsehbare Zeit
hinausschieben würde. Es gibt Kapitalanlagen, welche der Herrgott in sein Buch
einträgt, um erst am großen Tage der Abrechnung Soll und Haben zu vergleichen,
und derjenige Mann oder dasjenige Volk ist der beste Missionar, welcher den
Andersgläubigen mehr durch sein Leben als durch seine Lehren zu überzeugen
sucht. Ein Gott wohlgefälliges und den Mitmenschen nützliches Leben ist die
einzig richtige Vorbereitung des Bodens zu der Saat, die dann allerdings durch
die Predigt in Worten zu geschehen hat.
    Komm mit mir im Geiste in die Wüste, lieber Leser! Du hast gelernt, die
Bedürfnisse deines Körpers auf das allergeringste Maß herabzumindern. Der Hunger
ficht dich nicht mehr an, und auch den Durst hast du bis zum gebotenen Grade zu
beherrschen gelernt. Du bist auf Fasten gestellt und wirst nun die Erfahrung
machen, dass jetzt die Tätigkeit des Geistes diejenige des Körpers überragt. Das
ist der Grund, weshalb selbst bei halb oder gar nicht civilisierten Völkern vor
wichtigen Wendepunkten im Leben des Einzelnen oder auch der Gesamtheit ein
Fasten vorgeschrieben ist. Sogar der Indianer fastet längere Zeit vor der
Zeremonie des Namengebens oder vor der Wahl der Medizin. Es ist, als ob die
Seele freier geworden und in ihren Funktionen weniger gehemmt sei als vorher.
Deine geistigen Sinne scheinen doppelte Schärfe und deine Gedanken Flügel
bekommen zu haben. Du lebst mehr innerlich als äußerlich. Du hast dich an den
schaukelnden Gang des Kameles gewöhnt; er stört dich nicht mehr. Im hohen Sattel
des Hedschihn sitzend, achtest du nicht auf die Bewegungen des Tieres, dessen
weiche, elastische Schritte nicht bis zu dir heraufwirken. Reitest du durch die
Hochfelsenwüste oder durch das Warr, so fühlst du dich als körperliches
Individuum so klein, so nichtig, so verlassen in diesem überwältigenden Stein-
und Trümmermeere; reitest du über den glatten Sandozean, so siehst du ihn nicht
hinter dir verschwinden, während er sich aber vor dir immer weiter und weiter
ausbreitet. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, keine Grenze hier, denn der
Horizont ist zur Vermählung des Himmels mit der Erde geworden, die zwischen
beiden keine Linie mehr kennt. Du weißt nicht, wo das Unten aufhört und das Oben
beginnt, und hast das Gefühl, als ob die über dir
