 mit nachdenkender Aufmerksamkeit! Du wirst bald
wunderbare Entdeckungen machen und vor allen Dingen zu der Erkenntnis gelangen,
dass dir diese deine eigene Seele bisher eine vollständig unbekannte Welt gewesen
ist! Es ist mir ja ganz ebenso gegangen! Aber als ich erst einmal mit Ernst
angefangen hatte, da wuchs mein Interesse für diese meine innere Welt von Tag zu
Tag, und es taten sich mir Ausblicke auf, die mich zum Weiterforschen förmlich
begeisterten. Es begann zunächst eine große, leider so unendlich schwierige
Reinigung, dass ich gar wohl einsehe, mit ihr in diesem kurzen Erdenleben nicht
fertig werden zu können; aber es wurde doch wenigstens soviel Erdenschmutz
überwunden, dass mir jetzt, wo ich fast sechzig Jahre zähle, das Weiterlernen und
Weiterüben als die schönste Aufgabe der mir noch beschiedenen, abendroten Tage
erscheint. Wie herzlich, aber wie so von ganzem Herzen wünsche ich, dass jeder
meiner Mitmenschen ein so beseligendes Abendrot haben möge!
    Könntest du, meine Freundin oder mein Freund, deine Seele in die Hand nehmen
und beobachten wie eine Uhr, welch ein wunderbares, wohlgeordnetes
Ineinandergreifen sämtlicher Regungen würdest du da bemerken! Du würdest sehen,
wie reingehalten sie werden muss, wieviel hinderlicher Erdenstaub stets zu
entfernen ist. Du würdest erkennen, dass jedes einzelne Tick und Tack darauf
berechnet ist, den Zeiger nach der mitternächtlichen, letzten Zwölf zu leiten,
nach welcher dir die Eins des Jenseits schlägt. Das hängt alles, alles so innig
zusammen, das kommt wie ganz von selbst; da kannst du dir nicht eine einzige
Sekunde ohne die vorhergehenden denken; da kann nicht eine einzige Minute als
überflüssig weggelassen und zur zeitleeren Lücke werden. Genau so steht die
leiseste Seelenvibration im Zusammenhange mit dem Ganzen, und ob dein Leben ein
Streben nach dem Himmel oder ein Sträuben gegen den Himmel sei, es ist nicht das
kleinste seelische Stäubchen in dir zu finden, welches unbeteiligt an diesem
Streben oder Sträuben ist. Und wie in deinem Seelenmikrokosmos die treibenden
Kräfte nur nach ganz bestimmten Regeln und Geboten tätig sind, so herrschen
auch im Seelenmakrokosmos, also auf dem Gebiete der Zusammen-, der
Aufeinanderwirkung menschlicher Seelen, Vorschriften und Gesetze, welche selbst
die geringste Ordnungslosigkeit, also auch den Zufall, vollständig ausschließen.
Es können zwei Seelen nicht, wenn auch noch so kurz, aneinander vorüberstreifen,
ohne aufeinander zu wirken. Und wenn eine Seele die deinige nur einen Augenblick
berührt, so wird diese Berührung einen Punkt in deinem innern Leben schaffen,
der sich zur für dich vielleicht nicht bemerkbaren Linie weiterbildet. So
entstehen Beziehungen, für dich einstweilen geheimnisvolle Fäden, welche dich
mit andern unsichtbar aber doch für immer vereinen und als einen nicht zu
missenden, sondern notwendigen Teil des Ganzen mit der großen, unendlichen Welt
der Seelen verbinden
