 Denke doch an
El Mizan, lieber Halef, an El Mizan!«
    »Ja, ja, an die Wage der Gerechtigkeit! Du hast recht, Effendi! Es wird
Liebe von uns verlangt, immer nur Liebe; hättest du aber die Frage dieses
Kundschafters beantwortet, so würde es uns dereinst als Hass, als Rache
angerechnet werden und diese schwere Last wollen wir ja nicht auf unsere Seelen
laden. Ich fürchte mich in meinem Leben zum allererstenmal, und zwar vor dieser
fürchterlichen Wage, welche nichts verschweigt, sondern alles Verborgene an das
helle Licht des Tages zieht!« -
    Wollte doch jedermann die Augen stets immer zu der Beobachtung offen halten,
dass das Gute die Belohnung und das Böse die Bestrafung ohne alles Zutun des
Menschen schon in sich trägt! Leider üben die meisten Menschen diese
Aufmerksamkeit fast nie, und nur in ganz in die Augen springenden Fällen lässt
man sich zu einer Art von Erstaunen herbei, denkt einen kurzen Moment darüber
nach und hält dann die Sache mit dem geistreichen Endurteile Sonderbarer Zufall!
für abgetan! Und doch gibt es keinen Zufall! Wenigstens für den gläubigen
Christen ist durch dieses Wort ein starker, dicker Strich gemacht. Der Erfinder
desselben wusste von Gottes Weisheit und Gerechtigkeit nichts, und alle, die es
nach ihm in den Mund nahmen, hatten, grad wie er, ihr Augenmerk zwar auf die
irdische, nicht aber auf die himmlische Erkenntnis gerichtet. Man spricht so
schön gelehrt vom Makrokosmos und vom Mikrokosmos; der erstere bedeutet die
ganze Welt, der letztere ist der Mensch. Nun ist man wohl bereit, jene
sogenannte große Weltordnung zu bewundern, nach welcher alles zum Makrokosmos
Gehörige sich auf streng vorgeschriebener Gesetzesbahn bewegt und keine einzige
der Welterscheinungen absolut für sich selbst bestehen kann, sondern sich in der
innigsten Beziehung zum Ganzen befindet, weil sich das eine aus dem andern mit
lückenloser Folgerichtigkeit entwickeln muss und bisher auch entwickelt hat. Das
hat man wohl erkannt, und das gibt auch der Gottesleugner zu. Er gibt sogar
auch zu, dass Gesetze von ähnlicher Unverbrüchlichkeit ebenso im Mikrokosmos,
also im Menschen, walten, meint aber damit nur den für die Erde existierenden
Menschen; der für den Himmel bestimmte, den ich hier Seele nennen will,
existiert ja für ihn nicht. Und doch gibt es eine - - bitte, ja nicht zu
lächeln! - - eine Seelenweltordnung, welche wenigstens ebenso große Bewunderung
verdient wie jene angestaunte Ordnung der makrokosmischen Welt!
    Wie das Leben der Einzelseele eine gottgewollte Entwicklung eng
zusammenhängender Folgerichtigkeiten zeigt, so werden auch die Beziehungen der
Seelen zu einander von Gesetzen regiert, von welchen es keine Abwege und gegen
die es kein Widerstreben gibt. Schau nur hinein in deine Seele, lieber Leser!
Beobachte sie und ihre Regungen
