
dieser Wage, tun?«
    »Soeben tritt einer aus ihren Reihen hervor und nimmt die über die Wage
gegangene Seele an der Hand, um sie nach der Brücke zu leiten.«
    »Nicht nur nach der Brücke, sondern über sie hinüber. Diese Seele ist
gewogen und der Gnade Gottes wert befunden worden. Darum wird sie an der Hand
ihres lichten Führers glücklich über Es Ssiret gelangen. Aber die zu leicht
Gefundenen, welche hier auf Erden stolz auf ihre Vorzüge pochten oder, ihrer
Trägheit fröhnend, sich nur auf ihre vermeintliche Sündlosigkeit verließen und
darum versäumten, wirkliche Arbeit zu vollbringen, anstatt in bequemer
Sorglosigkeit kommen zu lassen, was da kommen werde, diese finden hier keinen
Beschützer, sondern bleiben auch hier ihrem gewohnten Selbstvertrauen
überlassen. El Halahk, der Abgrund des Verderbens, steht für sie offen; denn
schon hier, in der Stunde des Todes, nicht erst im, sondern bereits am Jenseits,
tritt das große Gesetz der ewigen Gerechtigkeit in Kraft, dass der Mensch genau
mit dem bestraft wird, womit er auf Erden sündigte. Trau ja den friedlichen,
still lächelnden Zügen einer Leiche nicht! Sie ist ein abgelegtes Gewand, dem du
nicht anzusehen vermagst, unter welchen Qualen die Besitzerin, die Seele, von
ihm schied. Der Tod tritt nicht mit dem letzten Worte ein, welches der Sterbende
spricht, auch nicht mit der letzten Bewegung, die man an ihm bemerkt, und kein
Irdischer vermag zu ergründen, was zwischen diesem Worte oder dieser Bewegung
und dem wirklichen Schritte hinüber für eine Folterpein zu überstehen ist! Nun
richte deine Augen auf die vorübergehenden Scharen selbst! Du siehst, wie sie
sich zusammenfinden und sich ordnen, um, zu einander passend, in Gruppen den
Entscheidungsweg zurückzulegen. Sag mir, was du erblickst! Was du nicht weißt,
das werde ich dir erklären.«
    Der Münedschi berichtete:
    »Es versammelt sich soeben eine große, große Menge von Leuten, welche fromm
die Hände falten und still ergeben ihre Köpfe senken. Ihre Lippen bewegen sich
im Gebete. Ihnen vorangetragen wird eine Standarte, auf welcher das Wort Dijanet
114 zu lesen ist. Das sind gute Menschen, welche gewiss glücklich über die Brücke
hinüberkommen!«
    »Du irrst. Du lässest dich von ihrer zur Schau getragenen Frömmigkeit ebenso
täuschen, wie die Genossen ihres Erdenlebens von ihnen betrogen worden sind. Das
sind die Gewohnheitsbesucher der Kirchen und Moscheen. Sie versäumten keinen
Gottesdienst und saßen da auf ihren mit Geld bezahlten, wohlnummerierten
Plätzen, auf welche sich ja kein anderer setzen durfte, wenn er nicht zu seiner
öffentlichen Beschämung von ihnen hinweggestossen werden wollte. Sie gingen zur
bestimmten Zeit und in dem dazu bestimmten Rocke nach dem Gotteshause, gesenkten
Blickes, wie auch jetzt
