 Straße, -
sie hat mich oft so freundlich angesehen, als wir noch am gleichen Tische
speisten. Doch bin ich geschwind weggerannt; ich fürchtete, schwach zu werden,
ihr von meiner Lage sprechen zu müssen. Wie von einem innern Zwange bin ich
geflohn. - -
    Aber einmal, wenn ich ganz am Ende mit allem bin, am allerletzten Ende, und
so schwach und mürb, dass ich nach einer menschlichen Hand fassen muss, dann ist
sie die Einzige, zu der ich Vertrauen haben werde.
    Ach, bin ich nicht schon am Ende? Wozu die lange Qual?
    Soll ich nicht doch das Boot nehmen und hinausfahren in das unbekannte Land?
-
    22. Dezember. Sie reist fort! Ich bin fast umgefallen, als sie es mir sagte.
So ruhig sagte sie's, so ganz nur mit der eigenen Absicht, dem eigenen Plan
beschäftigt. - - Wie sollte sie auch anders gegen mich sein? Stecken wir nicht
alle tief in der Konvention, die - -
    Oh, was soll ich anfangen? Was soll ich tun!? Hier die Hände im Schoss, die
Augen verbrannt von Tränen, abgeschnitten, allein, so sitzen und auf mein
Schicksal warten? Unerträglich!
    Ich habe keine Gedanken mehr, nur Visionen kommen mir noch, um mich zu
verspotten! Einen schwarzen Himmel sah ich, darunter wehende Weiden; - plötzlich
zerriss der Wolkenvorhang, und Sterne drängten hervor, zahllose, leuchtende
Sterne. »Ein neuer Morgen für die Menschheit, herausgeboren aus dem Herzen der
begeisterten Frau!« so tönte Engelssang! Ach, ihr süßen hohen Träume, kommt ihr
noch wieder? sucht ihr mich noch in meiner Erniedrigung? Seht, hier lieg' ich am
Boden, wund und einsam und schwach geworden, - - nichts werd' ich erreichen,
nichts kann ich tun, euch wahr zu machen, ihr meine stolzen, hohen Träume! Wund
und einsam und schwach geworden - aber nicht untreu. Das kann ich nicht, auch
wenn ich's wollte. Ich kann das Boot nehmen, - - aber ich kann nicht
zurückkehren und mich selbst verleugnen. Lieber noch langsam verhungern. - -
    2. Januar 89. Der Brief ist da.
    Für studierende Frauen gibt es weder private noch staatliche Stipendien in
Hamburg.
    Wir Frauen haben kein Vaterland.
Im Februar.
    Frau Laubi hat mir geholfen, die Sachen sind verkauft.
    Brechen mit allem und mit allen: Hinunter in das Namenlose, zu den
Rechtlosen, zu den Enterbten.
    Dorthin gehör' ich ja, ich und alle Frauen, Heimatlose, Vaterlandslose. - -
-
    Warum hab' ich mich so spät darauf besonnen, dass ich zwei Arme habe?
Anerzogner, angeerbter Hochmut.
