 werden sie voll Liebe für
alle sein. Nichts werden sie für sich begehren, nichts als Raum für ihre Arme,
und Licht für ihre Augen. Alle Vorwände, die Menschen veranlassen können, ihre
Seele dem Gelde zu verschreiben, alle diese Vorwände werden den Verheirateten
verbleiben, und in bedürfnisloser Einfachheit werden diese Frauen lächelnd
blicken auf die Zusammenscharrer und Schacherer, auf die Banquiers in allen
Professionen.
    Dann wird sich zum Segen für das Weib und für die Gesamtheit wenden, was so
lange der Fluch unseres Geschlechts gewesen ist: das heiße, leidenschaftliche
Gefühl! Dieser freie Überschuss, der nicht einem Einzelnen, sondern der
Menschheit gilt, er wird die ganze Erde umfassen, ein warmer, sanfter Golfstrom,
wird er die kalte Erde heizen von Pol zu Pol, und behaglich wird den Menschen
werden und wohl zu leben unter dem tröstenden Hauch reich ergossener Liebe. Das
ist Eure Mission, Ihr Unvermählten, das ist unsere Mission, Ihr meine
Schwestern! Mit der Liebe, die Ihr nicht auf Lebenszeit dem Manne und leiblichen
Kindern zuwendet, mit dieser Liebe sollt Ihr dienend retten!
    Uns bindet kein Vaterland, denn sie wollen uns nirgends, - wider ihren
Willen werdet Ihr sie retten! Wir sind keines Landes Bürgerinnen, wir haben
keine Bürgerrechte, die Gesetze beschäftigen sich mit uns nur, um uns zu
verurteilen. Die Gesetze kennen uns sonst nicht, sie übergehn uns, sie übersehn
uns, wohlan, so haben wir nur auf die Gesetze unserer eigenen Brust zu horchen.
Und dieses uns von der Natur gegebene Gesetz heißt Liebe! Die Geschlechtsliebe
ist eine Erfindung des Mannes. Erst mit der Mutterliebe kam die höhere Liebe in
die Welt: die duldende, nichts fordernde, still selige, unerschöpfliche
Seelenliebe. Die Liebe, von der Christus redet, die Liebe, die nimmer aufhört.
Sie will nicht Genuss, sie will Opfer. Ihr ist sich opfern Genuss. Diese Liebe hat
die Natur der Frau in's Herz geschrieben, der Mann bemüht sich, sie zu lernen,
denn ihm gab die Natur diese Liebe nicht. Nur wenige Männer besitzen sie, diese
aber strahlen wie Sterne. Wir wollen nicht strahlen, nur sanft und warm die
kalte Erde heizen, das wollen wir, jede ein stilles, unverlöschliches, stetiges
Flämmchen der Liebe.
    11. April. Übrigens werden wir nur unsere Pflicht und Schuldigkeit tun,
wenn wir unsere Liebe der Menschheit weihen. Und nicht ein bisschen mehr wird es
sein, als was die Verheirateten tun. Auch sie geben ja Liebe, auch sie opfern
sich ja für einander, nur sind die Formen und die Grenzen andre. Nein, wir
würden sogar tief, tief unter den Verheirateten stehen, wenn wir nicht an die
Menschheit hinzugeben versuchten
