 sehe!
    20. März. Nein, wozu haben wir denn unsere Kräfte? Haben wir sie zum
Grübeln, zum Winseln, zum Jammern? Das ist doch ganz dumm und elend! Das muss
nicht sein. Damit kommt man nicht einen Schritt weiter. Jetzt wird studiert! auf
die Matura los! geochst, gepflügt, und nicht umgeguckt! Ich habe jetzt einen
Matematiklehrer, ich fange von vorn an. Es ist ein deutscher Flüchtling, hat
eine große Familie, glaube ich; er ist ziemlich wohlbeleibt und sehr ruhig. Als
Lehrer soll er vortrefflich sein. Besonders freut mich seine Ruhe; die hat er
nötig, meiner Dummheit gegenüber!
    3. April. Ja, unzweifelhaft wird es sehr, sehr viel zu tun für uns geben.
Grade innerhalb unseres eigenen Geschlechts. Es gibt so und so viele Frauen
mehr als Männer in fast allen Kulturstaaten, und ich bin weit davon entfernt,
das traurig zu finden.
    Im Gegenteil!
    Eben davon hoffe ich viel!
    Wir brauchen ein Plus der Lebensleistung, und von wem soll dieses Plus
geleistet werden?
    Die Familienleute haben keine Zeit. »Ein geplagter Familienvater,« »eine
geplagte Familienmutter und Hausfrau« - nein, von denen darf man keine
Extraleistungen erwarten. Fortwährend appellieren sie an das allgemeine Mitleid,
entschuldigen sich mit »Geschäften, Frau und Kindern,« mit »Haushalt, Mann und
Kindern.«
    Aber da sind ja wir alle! die unverheirateten Frauen! Freie Menschen sind
wir! Wenn wir für unsere eigenen Bedürfnisse gesorgt haben, dann haben wir Kopf
und Herz frei für die Andern. So dürfen wir die Hände regen für die Andern! Oh,
auf uns muss man rechnen, auf die künftigen Heere von Amazonen des Geistes und
der Begeisterung, der Kunst, der Menschenliebe! Wir haben Zeit. Nicht ewig die
Kette am Fuß, die sich Familie nennt, nicht ewig die Augen gerichtet auf das
Heim und seine Tyrannei! Oh, von diesen ist viel zu hoffen, vielleicht alles!
Wie gute, starke, heitre, freie Geister werden sie zwischen den eingekapselten
Familienleuten dahin schreiten, überall ratend, helfend, rettend, das Ideal
hochhaltend, hochhaltend die Liebe!
    Denn wenn sie auch nicht heiraten, lieben werden sie ja doch! Aber nicht wie
jene, berechnend, vorsichtig, zwei, drei, vier ihrer Allerallernächsten, sondern
mit glühender Hingabe, mit schrankenloser Seele, freie Spenderinnen und
Empfängerinnen gegenüber allen, allen Menschen!
    In den Familien wird nach wie vor Zwang, Druck, Heuchelei,
Autoritätsglauben, Bequemlichkeit und Platteit zu finden sein - die Rute und
der Schlafrock! Unter ihnen wird freies Wort und freie Liebe, frohe Kraft,
Wahrheit und Mut eine Stätte finden. Vor allem aber
