 Tasche. Es fließt ihnen so zu, sie haben keinerlei Kampf
damit zu bestehen. Und ich will Ihnen sagen, woran es liegt: sie haben keine
Tiefe. Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen, ist es eine Lüge.
Sie kommen ja aus dem Schoss eines wunderbaren Volkes. Welche Verfolgungen!
welche Unterdrückungen! Aber wie ein Wurm krümmt sich dieser Volkskörper durch
die Zeiten, unerschöpflich an Lebenskraft. Aber jetzt naht die Krisis. Sie
nehmen uns die Wahrheit und die Aufrichtigkeit in der Kunst, das ist wichtiger
als alles andere. Sie ersetzen es unbewusst mit dem Schein von Wahrheit, dem
Schein von Aufrichtigkeit; sie bringen uns eine neue Art von Sentimentalität,
die sich als Naivetät gibt und mit grüblerischer Wehmut nach den Gründen der
Dinge schreit. Ich schwöre Ihnen, mein Lieber, das ist eines von den Dingen, die
das Schicksal und das Leben ganzer Jahrhunderte verdüstern. Darin liegt die
Judenfrage, wie man das Ding läppisch nennt. Darum müssten die Juden fort und
tausendmal fort. Was ist alles andere, eine lokale Sache. Religion! Was ist uns
Religion! wir haben keine Religion mehr im kirchlichen Sinn. Sie sollen sich ein
Land suchen, wo es auch immer sei, sie sollen einen König über sich setzen wie
in den alten Zeiten, sollen ihren Weizen bauen und ihr Gras mähen und ihre
Häuser aufrichten, sagen wir, in Australien, nur nicht bei uns. Sonst geht der
Verfall weiter und wir werden sitzen, wie der Frosch an der Mergelgrube. Das
Christentum hätte schon längst ausgeatmet, wenn das Judentum nicht wäre,
abgesehen davon, dass es garnicht gekommen wäre und die germanischen Völker sich
einen Gott nach ihrem Blut geschaffen hätten.«
    Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört, und er war so voll von
Zweifeln und Einwänden, dass er zuletzt kein Wort herausbrachte und ein
missmutiges Gesicht schnitt. Bojesen lächelte schwermütig. »Ich bin abgeschweift
von meinem Thema,« bemerkte er mit einer Miene, die um Verzeihung bat für das
Feuer und die Leidenschaft seiner Worte. »Ich meinte, wie man hier lebt, darin
sei etwas Unwürdiges, etwas Zeitloses und Teilnahmloses für die Zeit. Hier wird
man entweder zum Fanatiker oder zum Dummkopf. Man kann nicht einmal Einfluss
haben auf die Jugend, selbst das ist unmöglich. Es ist erstaunlich, aber es ist
so, Sie dürfen mir glauben. Mein Gott, was ist das für eine Jugend! Sie hat
nichts, als was man ihr schenkt. Sie ist so arm und man macht sie noch ärmer
dadurch, wie man den Unterricht betreibt. Doch davon darf ich gar nicht reden.«
    »Sie haben wohl Schlimmes hinter sich?« fragte Gudstikker, der sich
