 er sie eben
erlebt hätte. »Also wie geht es Ihnen, lieber Bojesen?« fragte er darauf und
rieb sich wieder die Hände. »Gut?«
    »Wenns nicht geht, so zwingt mans eben!«
    »Sie sind immer allein. Ich habe Sie noch nicht anders als allein gesehen.
Wie kommt das?«
    »Nun, das ist so Gelehrtenart,« erwiderte Bojesen mit einer sanften
Selbstironie. »Ich muss Ihnen sagen, diese Stadt, diese Menschen hier, sie liegen
nicht innerhalb der Welt. Es ist etwas Verlorenes und Verkommenes, ein Sumpf.«
    »Kein Wunder,« sagte Gudstikker, »wie leben wir denn! Sternenlos! Und unsre
jüdischen Mitbürger sorgen dafür, dass uns der Himmel holder Ideale noch weiter
fortrückt. Eigentlich wundre ich mich immer, wenn ich einen anständig
gekleideten Menschen treffe, der kein Jude ist.«
    »Freilich, das ist ein Kardinaltema,« gab Bojesen leicht errötend zu. »Und
das ganze Land ist in dieser Beziehung, was unsre Stadt im kleinen ist. Die
Juden bringen ja das geistige Leben der Nation in Bewegung, es ist wahr; schon
deswegen weil die Presse in ihren Händen ist. Vielleicht ist das ein Unglück,
vielleicht auch nicht. Vielleicht sind da diese scharfen Reagentien, diese
Gewandtheit und Schlüpfrigkeit am Platz. Vielleicht hat ihre wirtschaftliche
Unternehmungslust mehr Aufschwung im Gefolge, als unsrer Bedächtigkeit
erreichbar wäre. Aber für das Hauptunglück halte ich, dass sie sich nun und von
allen Seiten her auch in die Kunst eindrängen.«
    »Ich verstehe; Sie haben recht,« murmelte Gudstikker, den die Beredsamkeit
eines andern ungeduldig machte. »Aber schließlich, Kunst ist Kunst. Man kann ja
Gold legieren, aber reines Gold kommt dabei nicht um den Wert.«
    »Gewiss. Trotzdem ist eine Gefahr. Sehen Sie mal, früher hatten die Juden
genug zu tun, sich die Gebiete zu erobern, die ihnen nahe standen. Plötzlich
nahmen sie teil an der reichen Kultur, die sie selbst mitschaffen halfen und
wuchsen in die Kunst hinein. Es war eine unausbleibliche Verbindung. Jetzt sehen
Sie überall jüdische Künstler, erschreckend viele, erschreckend gute. Ich
spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten, das ist keine Frage mehr;
sie haben meist mit der Kunst, wie ich sie meine, nichts zu tun. Von den
heutigen will ich reden. Sie sind Künstler, echte Künstler, daran ist nicht zu
zweifeln. Aber sie richten uns zugrunde. Alles, was wir erworben haben, lang und
mühselig, damit können sie hantieren; alles, wonach wir ringen, das haben sie
und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache, stecken sie dieselbe Sache
schon lachend in ihre
