 hatte sich von Anfang an durch die Art
empfohlen, wie er die Wissenschaft der Chemie vor den Schülern zerlegte, so dass
auch der Blöde und der Boshafte aufmerksam wurden. Er griff gleichsam mit
lebendiger Hand in die Nacht der Natur oder in die Feuer der Natur und holte
ihre Rätsel hervor, die er trotz aller Erläuterungen Rätsel und Wunder bleiben
ließ. Er tat nicht wichtig mit der Wissenschaft und spielte nie mit ihr, machte
auch nichts »Interessantes« daraus, sondern er stand hinter seinen Retorten und
Röhren wie einer, der im Tempel steht und im Begriff ist, einen Gott zu
predigen, dessen ganze Schönheit und Größe nur er selbst kennt. Er glich einem
jungen Priester, der die gedruckten Gebetbücher verachtet und sein eigenes Gebet
haben will und hat.
 
                                Fünftes Kapitel
Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben das Innere des hallenden Gebäudes
betreten hatte, hörte das Schreien wieder auf. Dennoch beschloss er, der Sache
auf den Grund zu gehen. Er stieg die Treppe hinan, wurde nachdenklich gestimmt
durch die düstere Stille des Hauses, schüttelte den Kopf über die mangelhafte
Beleuchtung und betrachtete ein bemaltes Glasfenster, das den Propheten Jephta
mit seiner Tochter zeigte. Er öffnete eine Türe, wobei sich das Bürschchen
ungeduldig zwischen seine Beine drängte, und hatte einen weissgetünchten, fast
finsteren Saal vor sich, in welchem Bett an Bett stand, dreißig oder vierzig wie
in einer Kaserne, und über jedem der weißen Tücher schaute ein kaum weniger
weißes Knabengesicht hervor, mit geschlossenen Augen, geschlossenen Lippen,
angestrengten Lippen, die sich zu bemühen schienen, Seufzer zurückzuhalten. Eine
dumpfe Luft schlug heraus und Gudstikker schloss schnell wieder zu, stand ratlos
da und sah die Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich
ruhen. Da ertönte wieder das Schreien: lauter und eindringlicher. Der Kleine
rang stumm die Hände und das Verzweifelte in der Gebärde trieb Gudstikker mehr
an als Worte.
    In einem schmalen Raum saß der Schuldiener mit einer blauen Brille,
riesenhaften Filzschuhen und einer Art Kaftan und nickte schläfrig; wenn ihn
sein Gegenüber, der Vorsteher, anredete, fuhr er auf, machte ein devotes Gesicht
und schlug mit einem spanischen Rohr klatschend auf den Rücken eines etwa
dreizehnjährigen Knaben, der mit Riemen auf ein Brett festgeschnallt war. Der
Knabe öffnete dann den Mund zu einem Schrei, der lang hinhallte und langsam
erstarb, worauf er in eine schmerzliche Starrheit verfiel. Dies alles hatte
etwas Gespensterhaftes und Stefan Gudstikker hätte lachen müssen, wenn er nicht
das Gesicht des Knaben gesehen hätte, ein altjunges Gesicht mit der Erfahrenheit
früher Schmerzen und bohrend-unruhigen Augen, Knabenaugen, die manchem Mann zu
denken geben konnten. Kaum sah der Bursche an Stefans Seite das Unglück seines
Freundes, als er auf ihn zustürzte und
