 zum Leben gewachsen war; wie seine Vergangenheit stimmenlos
versunken war, ein Nichts; wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die
Menschen; wie er überall Geduckteit und Unfrohheit gewahrte, Unoffenheit,
Duckmäuserei, geheime Empörungslust. Und je einsamer er ward da draußen, je
feuriger wurden seine Phantasien von einer gewaltsamen Wandlung, und er dachte,
dass nicht nur das Alte stürzen müsse, damit das Neue komme, sondern dass es
gestürzt werden müsse. Er dachte, dass die Städte zerstört, niedergerissen
werden, verlassen werden müssten, damit der Mensch wieder sich selbst finde. Er
schwelgte in glühenden Traumen, sein jugendlicher Geist saugte sich fest an den
Brüsten des Lebens. Und wie er sich Herr über die Kräfte der Natur fühlte,
empfand er auch Macht über die Menschen. Er dachte, als er jetzt eine bebende
Menge sich um ihn drängen sah, daran, wie die Kinder aus den Dörfern ihm
gefolgt, als wären sie durch einen Zauberruf angelockt, wie ihm die Bauern Essen
und Trank gegeben, ohne dass er darum gebeten. So, voll von sich selbst, berührte
er mit der Hand den Körper eines der vom Blitz Hingestreckten, während die
Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten, das Militär dem Zudrang Neugieriger
Einhalt tat, das Dach eines benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde, die
Glocke des Turmes schwächer, gleichsam hinsterbend erschallte, die Dämmerung in
der Kirche einer hellen Brunst wich und ein junger Priester in die Flammen
stürzte, die auf den Altar herabgefallen waren, um das Allerheiligste zu retten.
In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende die Hand; Agaton, selbst
bestürzt, wich zurück, Rufe wurden laut, die Kirche müsse geräumt werden.
Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte; da stieg Agaton auf eine Bank und
gellte hinaus in den Raum mit einer Stimme, als ob es gälte, über den ganzen
Erdkreis hinzuschreien:
    »Lasst sie brennen, die Kirche!«
    Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm aufblicken,
elende, sorgenvolle Stirnen, Munde mit kriechendem, fast flehentlichem Ausdruck,
sogar Kinder, deren kranke Glieder er zu empfinden glaubte, und es war, als
könne er durch das ganze Elend der Welt hindurchblicken, den verknoteten Knäuel
des Daseins entwirren und er schrie noch einmal: »Lasst sie brennen, die Kirche!«
Er hatte das Gefühl, als schauten alle Menschen sterbend nach ihm, und er dünkte
sich wie der Vater eines neuen, freien, Gott-losen Geschlechts. Der fanatische
Priester stürzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreissen; seine fahlen Wangen
zitterten vor Zier, aber die Menge schützte Agaton. Die Gefahr nahm zu; Agaton
riss eine brennende Leiste vom Altar, hielt sie hoch wie eine Fackel und
