 zu
analysieren, in Retorten dickliche Flüssigkeiten zu kochen, auf seltsamfarbenen
Flammen noch seltsamere Körper bis zur Weissglut zu erhitzen, und was er auf
diese Art suchte und erfinden wollte, war nichts mehr und nichts weniger als die
Kunst des »Goldmachens«.
    Doch nicht aus gemeiner Habsucht oder nur aus dem Drang, reich zu sein,
frönte Baldewin Estrich dieser Leidenschaft. Auch war er weit davon entfernt,
der Wissenschaft einen Dienst leisten zu wollen. Ja, er war sogar davon
überzeugt, dass sein Weg von dem der Wissenschaft weitab lag, und dass er selbst
ein Gespött der Fachgelehrten bilden müsse, als ein Mensch aus vergangenen
Jahrhunderten, wo Wunder und Traktätchen, Zauberei und Hexenkunst die Brücke
zwischen Sehnsucht und Besitz schlagen sollten. Auch war er nicht betört durch
jene uralten Bücher der schwarzen Kunst, jene dunklen und verschwommenen
Nachrichten über rätselhafte Magier und über den verlorenen Schlüssel zu dem
großen Geheimnis. Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen, eifrig und
unermüdet, hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut, ihre zahllosen
Dokumente durchstöbert, war an ihr verzweifelt und in dieser Verzweiflung
zusammengebrochen wie ein Kind. Denn was sie ihm bot, war nicht das, was er
darin suchte: ein Mittel, die Menschheit glücklicher zu machen. Dann begann er
aus eigenem Antrieb hinauszubauen über das Vorhandene, stellte ungeheuerliche
und gefährliche Experimente an, um den chemischen Urstoff zu finden, jenes vage
Etwas, Äther oder sonstwie genannt, an das er mit allen Sinnen glaubte, weil ihm
das Element, sei es nun Gold oder Eisen, Schwefel oder Chlor, nicht mehr ein
untrennbares Eins bedeutete. Freilich wollte er mit der Praktik nichts gemein
haben, und so baute er weiter, kühn und mutig, wie ein Munn, der in der Wüste
wohnt und dort Städte gründet für die späten Geschlechter, die da wohnen werden,
wenn das Meer von Sand fruchtbares Erdreich geworden sein wird. Durch nichts
glaubte er die Menschen sicherer glücklich zu machen, als durch Gold; er glaubte
ihnen den Frieden zu bringen, wenn er die heisseste Begierde stillen konnte, die
sie erfüllte, oder vielmehr, wenn er ihnen so viel des Begehrten gab, dass sie
der Überfluss gleichgültig machte. Die Überzeugung durchdrang mit Glut sein
ganzes Innere, gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und seinem Wesen das
Gepräge der Versunkenheit. Nur wenigen war er bekannt als der Auffinder aller
Höhlen des Elends in der Stadt; er wusste Bescheid in jenen anrüchigen Kneipen,
in denen der Verbrecher Unterschlupf findet, in jenen Herbergen, wo der reisende
Bettler sein Nachtquartier hat, in den Schlupfwinkeln unter Brückenbögen, in den
abgelegenen Gassen der Vorstadt, in den Remisen der Eisenbahn, an Kirchenmauern,
in Kellern und übelberufenen Höfen, - kurz, an
