 zu werden. Ihr seid eben Dämmerungskinder, Propheten der
Dämmerung, manchmal vielleicht der Morgendämmerung, diesmal aber sicher der
Abenddämmerung. Tragt ihr nicht einen großen Teil der Schuld, wenn unsre Reichen
und Vornehmen Geist und Ohren mit Musik verstopfen? Niemals war ein blödsinniger
Musikkultus zu solchen Ehren gelangt. Es mutet mich so kindisch an, wenn in
Paris die Gräfin Rotschild ihre Hündin mit dem Hund eines Marquis oder Lords
öffentlich und feierlich verlobt und unter großem Gepränge Hochzeit halten lässt.
In Rom war das alles seinerzeit viel großartiger. Wir können nicht einmal eine
anständige Dekadenze inszenieren. Unsere gute Gesellschaft ist ausschließlich
auf das Vertreiben der Langeweile angewiesen und die Kunst hat keine
Lebensnotwendigkeit, sondern sie verrichtet Hofnarrendienste oder gefallt sich
in volksfremder Unnahbarkeit oder wird zum weltflüchtigen Traum. Betrachten Sie
nur einmal eine Erscheinung wie Richard Wagner. Wie aufgedonnert, wie asketisch,
wie mönchisch, wie schmerztrunken, wie jüdisch! Daher auch sein rasender Hass
gegen das Judentum.«
    Eine Zeitlang war es still im Zimmer. Beide schauten finster sinnend in ihre
Gläser. Dann begann Bojesen von neuem:
    »Und doch! und doch! Ich weiß nicht, welcher Dämon mir diesen Gedanken
eingegeben hat: es ist mir, als müsse gerade aus den Juden noch einmal ein
großer Prophet aufstehen, der alles wieder zusammenleimt. Es ist selten, aber
bisweilen trifft man einen Juden, der das herrlichste Menschenexemplar ist, was
man finden kann. Alle reinen Glieder der Rasse scheinen sich vereinigt zu haben,
ihn hervorzubringen, ihn mit allen köstlichen Eigenschaften auszustatten, die
die Nation je besessen hat: Kraft und Tiefe, sittliche Größe und Freiheit, kurz,
alles und alles, ausgenommen vielleicht den Humor. In seinem Kopf sitzen ein
paar Augen voll Mildheit und Güte, man möchte sagen Frommheit in einem neuen
Sinn, feurig und doch wieder schüchtern, phantasievoll und nach keiner Seite hin
borniert, - kurz, wundervoll.«
    Nieberding spielte mit einer Aschenschale, die in Form einer Ampel an einem
Traggestell hing. Er drehte das mattbraune Gefäß um die eigene Achse, wobei die
Kettchen klapperten. »Es ist sonderbar,« sagte er, »wie alles, auch das
Bedeutende und Wichtige, gering erscheint, wenn man es mit dem eigentlichen Sinn
des Lebens vergleicht.«
    »Ja aber was ist der eigentliche Sinn? Hoffentlich antworten Sie nicht wie
der gelehrte Mann, den ich einmal fragte, was er selbst für einen Zweck habe, da
er die Welt schrecklich vernünftig fand. Ich bin eine Verdichtungsmaschine,
sagte er pathetisch.«
    »Ach, ich meine nur alles zusammengenommen gegen das Unendliche betrachtet.
Symbol, Symbol, alles nur Symbol. Kennen Sie dieses Experiment der Fakire: sie
bezeichnen einen Kreis im Zimmer, dessen Peripherie
