 etwas sagen, das ist ein wenig komisch. Sie sind ein Emigrant, und
es gibt kein Bindeglied zwischen Ihnen und uns. Beachten Sie die Zeichen der
Zeit. Rekrutieren Sie sich, seien Sie nicht blind.«
    »Warum denn? warum?« rief Nieberding und sprang mit verzweifelter Gebärde
empor. »Haben wir denn noch nicht genug bezahlt? mit Leib und Leben und Seele
und Freiheit bezahlt? Ist es denn unmöglich, euch zu befriedigen? Seit
Jahrhunderten dienen wir euch, unsere Besten haben so viel Gutes gewirkt, dass
ihr es heute noch nicht einmal ermessen könnt, wir lieben eure Sprache, wir
haben unser Blut für euer Vaterland vergossen, keine Werbung war uns zu
demütigend, im stillen saßen wir und harrten auf das Licht der Erlösung und als
ihr uns das schenktet, wofür ein eingesperrt gewesener Hund euch nicht einmal
die Finger lecken würde, da dankten wir euch durch einen ungemessenen
Überschwall von Kräften und Talenten, - und trotz alledem, wenn heute ein
beschnittener Kerl bankrott macht, so wendet sich euer unverborgener Hass nicht
gegen ihn, sondern gegen uns und die verlogenste von allen verlogenen Phrasen
muss aufmarschieren, um euch einen Schein von Grund und Recht zu geben: ihr
sprecht von Rassenhass und Nassenkluft, wo es besser wäre, von dem Neid und dem
Geifer des Stumpfsinns zu reden, und als ob nickt ein Pommer und ein Franke von
verschiedenerem Blut und Geist wären als ein Jude und ein sogenannter Germane.
Rekrutieren sollen wir uns? Was heißt das? Sollen wir ein Land kaufen und einen
Staat gründen? Das hieße uns vernichten. Wir sind stark als Einzelne, das ist
eben das Geniale an uns, wenn Sie das kühne Wort verzeihen wollen; als Nation
wären wir das Gespött der ganzen Welt. Wir sind stark als Helfer, als Diener des
Geistes, wir sind groß als Priester, aber wir sind nicht ein Volk, das zu
politischen Taten aufgelegt ist.«
    Bojesen blickte überrascht in das Gesicht des jungen Mannes, das durch die
Erregung beinahe schön war. »Sie haben Recht,« erwiderte er ernst. »Und doch
kann nicht geleugnet werden, dass wir viel schneller dem Abgrund zurollen, seit
die Juden emanzipiert sind, wie das prächtige Wort nun einmal heißt. Ich kenne
so viele gebildete Juden, wirkliche Menschen, Künstler oder Männer der
Wissenschaft oder auch Kaufleute, aber ich muss sagen, so sympathisch und lieb
mir die meisten sind, sie haben alle einen seelischen Defekt, einen sittlichen
Krankheitsstoff, der ihre andersblütige Umgebung alsbald ansteckt. Worin das
besteht, ist mir ein Rätsel. Aber sie sind es, die mich immer am schmerzlichstes
empfinden lassen, dass wir im Begriff sind, eine Nation vom Säufern, Strebern und
Phlegmatikern
