 Gestalten, hab' ich nicht recht?«
    Nieberding blickte furchtsam sein Gegenüber an. Er wagte nicht zu
widersprechen. Bojesens weit aufgerissene Augen schienen etwas anderes zu sagen,
als was er jetzt sprach. Sein Mund war ein wenig geöffnet, und seine Haltung
glich der einer Katze. Er war wie verwandelt.
    Nach einer Weile begann Eduard Nieberding: »Sie haben neulich beliebt, mich
als den Typus des modernen Verfallsjuden hinzustellen. So war es doch, nicht?
Ich habe viel darüber nachgedacht. Wenn etwas von Ihren Anschauungen begründet
ist, ist es dies: wir wirklich modernen Juden haben ausgehört, Juden zu sein.
Wir sind in unserer Seele Christen geworden. Nicht Christen nach der Form,
sondern nach dem Geist.«
    Bojesen nickte halb verächtlich, halb bekümmert. »Das ist es ja,« sagte er.
»Das ist es, was uns ins Unglück stürzen wird. Ja, Sie werden das Christentum
aufbauen! Wir sollen wieder Mumien werden, da wir angefangen haben, die Fenster
zu öffnen und die Moderluft zu vertreiben. Sind wir nicht ein krankes Geschlecht
bis ins Mark? Sehen Sie mich an, was ich bin! Heute bin ich neunundzwanzig! Was
werde ich mit vierzig sein! Das geistige Christentum! Und wie belieben Sie das
andere zu nennen, das unsere säftereiche Nasse aufgelöst und vernichtet hat
binnen sechzehnhundert oder weniger Jahren. Was ist schuld, wenn wir den
natürlichsten Vorgang des Lebens zu einem Akt der Lüsternheit machen? Wenn wir
in den Schulen Maschinen züchten, statt Menschen? Wenn tausende von großen
Weibern auf der Gasse und in Spezialitätenteatern lungern und eine anämische
Herde tummelt sich im Salon? Wenn wir nicht hinauskommen über die niedrigen
Begriffe von Ehre und Nächstenliebe, wenn unsere Dichter Hysterie für Tragik
nehmen? Sie, moderner Jude, sind daran schuld mit Ihrem Mystizismus und Ihrem
asketischen Verlangen, der Sie im Schnee stehen und Ihre Geliebte nur seelisch
begehren, der Sie das frevelhafte Wort von der Selbstüberwindung neuprägen. Ja,
ja! richten Sie nur das Christentum wieder auf! Hauen Sie nur die Renaissance,
von der große Menschen geträumt haben, in Stücke, bevor sie geboren ist! Nur
zu!«
    »Mit all dem sagen Sie eigentlich nichts Neues,« erwiderte Nieberding
traurig und mit gesenkter Stimme. »Aber das ist ja gleich, wenn Sie es fühlen.
Ist es denn so schlimm? Wieviel Poesie und Verklarung hat uns nur allein die
katholische Kirche gegeben.«
    »Lassen Sie uns hier nicht von Poesie reden. Lassen wir die Poesie beiseite,
samt der Verklärung, ich bitte Sie. Das sind triste Dinge, zu deren Verteidigung
die Poesie der katholischen Kirche nötig ist. Und reden Sie niemals per uns,
wenn Sie so
