 ist, ist mir Feigheit und Furcht. Gute Nacht, Liebe.«
    Bojesen folgte ihr und ihm war, wie wenn er durch die Luft hinschwebte, wie
wenn nichts mehr an der Erde wäre, was ihn festhalten könnte.
    Es schneite. Große Flocken fielen hernieder. Ein friedliches Fallen, ein
lautloses Herabgleiten schimmernder Kristalle. Plötzlich sagte Jeanette, indem
sie ihre Schritte hemmte: »Wissen Sie, woran ich denke? An die grünen Dämonen
vom siebenten Himmel. So ist die Welt, so sind die Menschen; ein zielloses
Hin-und Hergleiten, man fürchtet, jeder könne den Hals brechen und jeder wird
doch wieder durch den andern getragen und beschützt. Und dann, was ich nicht so
recht ausdrücken kann: dies Spielen auf die Wirkung oder so ...«
    »Ja, eigentlich ist das ganze Leben bloß ein Symbol, und wir können nichts
anderes tun, als alles, was uns zustösst, symbolisch zu betrachten. Darum sind
auch die Dichter am größten, die das Leben möglichst vereinfachen.«
    Wieder entstand ein Schweigen. »Ach, die Dichter,« sagte Jeanette dann
nachdenklich und traurig. »Sehen Sie, ich habe so viele kennen gelernt von den
berühmten, denn ich war mit meinem Vater in Berlin und mein Vater war versessen
auf die berühmten Leute. Da Hab ich Dichter kennen gelernt und manchen, bei dem
mir vorher das Herz geklopft hat. Aber wie schrecklich bin ich immer enttäuscht
worden! Ich habe mich immer gefragt: du lieber Gott, wie konnten die Leute das
oder das schreiben! In den Büchern so große Gefühle, ein so kompliziertes Leben,
und als Menschen genau wie andere Menschen und so leicht durchschaubar, so
eitel, so abgemessen, so sparsam mit ihrem Herzen, so vorsichtig mit ihren
Worten. Ehrfurcht will ich haben vor einem Dichter, ob er nun jung oder alt ist,
Ehrfurcht will ich haben.«
    Bojesen ging still dahin und lauschte mit glänzenden Augen.
    »Sie wundern sich vielleicht über mich,« fuhr sie fort und schlug den Mantel
fröstelnd zusammen. »Ich auch. Ich habe stets geglaubt, wahnsinnig zu werden bei
dem Gedanken an das Gewöhnliche. Nur nicht gewöhnlich werden! nur nicht irgendwo
unten stecken bleiben! Nur nicht immer Anläufe nehmen und dann beschämt
zugestehen, dass man zu viel gewollt hat. Nur fort, fort, von Ziel zu Ziel,
selbst um den Preis der Ruhe, der Ehre, der Gesundheit, des Lebens! Auch ich
will ein Symbol sein.« Bojesen sah sie lächeln. Er fragte, ob sie nicht seinen
Arm nehmen wolle und wo er sie hinführen solle.
    Sie nahm den Arm. »Wohin? Ach, irgend wohin. Sagen Sie
