 denen ich an den Damen Ihres Kreises
ebensoviele Repräsentantinnen der feinsten Bildung, des exquisitesten
Kunstsinnes bewundern durfte, hätten mich eines Besseren belehrt.
    Sehr gütig! Und doch kann ich den Verdacht nicht los werden, dass Sie in uns
ohne Ausnahme besten Falls nur dressierte Puppen sehen.
    Welches Recht hätte ich zu einem so herben Urteil, der ich auf dem
identischen Standpunkt der übrigen Herrschaften stehe: dem des Dilettanten.
    Was versteht man eigentlich unter einem Dilettanten?
    Ich glaube: jemand, der lebhafte Freude an der Kunst hat, sich auch wohl in
ihr übt und es bis zu einem gewissen Grade der Fertigkeit bringt, ohne doch
Künstler zu sein.
    Und wie wird man Künstler?
    Wenn man dazu geboren ist.
    Das ist sehr bequem.
    Nicht so ganz. Es gehört dazu, dass man von diesem seinem Geburtsrecht den
rechten Gebrauch macht und den Nachweis seiner Legitimität führt.
    Wodurch?
    Durch unablässigen, unerschöpflichen Fleiß, dessen der geborene Dilettant
niemals fähig ist.
    Mein Gott, wie ist das schön!
    Was, gnädige Frau?
    Von einem klugen Manne sich so belehren zu lassen!
    Es war ihr keine Phrase gewesen. Albrecht hatte das wohl herausgehört und
sah es an dem Glanz ihrer großen Augen, der ihm bis ins tiefste Herz leuchtete.
Noch nie war ihm die schöne Frau so schön erschienen; noch nie glaubte er, sie
so geliebt zu haben. Aber auch bei Klotilde wirkte der Zauber, den die Gegenwart
des Mannes stets auf sie übte, mit voller Kraft. Wie ertappte Verbrecher hatten
sie beide gleichzeitig die flammenden Augen niedergeschlagen.
    Klotilde hatte in ihrer Erregung das Buch von ihrem Schoss auf den Teppich
gleiten lassen; Albrecht hob es auf. Indem sie unwillkürlich dieselbe Bewegung
ausführte, hatten sich die greifenden Hände für einen Moment flüchtig berührt.
Es war so unverfänglich! Keiner hatte die Absicht gehabt! Dennoch waren beide
tief errötet; Klotilde strich über eine Falte ihres Kleides; Albrecht blätterte
verlegen in dem Buch.
    Verzeihen Sie die Indiskretion! Es ist so die leidige Gewohnheit von uns
Büchermenschen, nach dem Titel zu sehen!
    Das hätten Sie nun wirklich nicht bei mir gesucht.
    Aufrichtig, gnädige Frau, nein! Aber ich freue mich, es hier gefunden zu
haben.
    Sie schwärmen für unsere neueste Literatur?
    Ich interessiere mich sehr für sie, wie für allen kühnen Experimente auf
welchem Gebiete immer, von denen ich hoffen darf, die wenigstens die Möglichkeit
gewähren, dass die Menschheit einen Schritt weiter kommt.
    Mein Mann findet diese Sachen entsetzlich.
    Ihr Herr Gemahl gehört zu der höchst ehrwürdigen Klasse von Staatsbürgern,
denen es obliegt, das Bestehende zu konservieren und unsere fin-de-siècle
-Menschen vor den Orgien einer kopf- und ziellosen Revolution zu bewahren.
    Klotilde
