 wäre, was
mir begegnet ist; Sie beleidigt wären, wie ich beleidigt worden bin; in Ihrer
Ehre gekränkt, vor der Gesellschaft, in der Sie leben, blossgestellt wären, wie
ich es bin: würden Sie - ja, könnten Sie anders handeln, als ich zu handeln
gedenke? Würden Sie und könnten Sie unterlassen, den Buben, der gewagt hat, mit
seinen schmutzigen Fingern an Ihr blankes Wappenschild, an Ihren reinen Namen zu
tasten, vor die Mündung Ihrer Pistole zu stellen?
    Die Worte hatten Elimar schwer getroffen. Da klaffte wieder einmal der tiefe
Spalt zwischen dem, was sein Herz und sein Verstand ihm gesagt und geboten
hatten, lange bevor es ihm seine geliebten Denker und Dichter bestätigten, und
jenem andern, in dessen engem Bann er nun schon so viele Jahre gelebt hatte in
schmerzlicher Resignation einer besseren Ordnung der menschlichen Dinge, die
herbeizuführen dem einzelnen Menschen nicht gegeben war. Hatte er nie die Kraft
in sich gefunden, Fesseln zu sprengen, die ihm ins Fleisch schnitten, wie durfte
er es erwarten und verlangen von einem, den sie nicht einmal drückten, der sie
im Gegenteil als einen höchsten Schmuck trug?
    Er fühlte peinlich, dass er eine Position verteidigte, die er nicht würde
behaupten können; aber ohne einen letzten Versuch wollte er sie nicht aufgeben.
    Es gibt zweierlei Ehre, sagte er, die gesellschaftliche und die
individuelle. Die erstere trägt ihre Gesetze nicht sowohl in sich, als sie ihr
vielmehr von dem Milieu diktiert werden, in welchem wir leben. Die Vernunft
dieses Milieu braucht nicht die unsre zu sein; ich kann mir sogar denken, dass
wir in ihr die bare Unvernunft sehen. Aber freilich, solange das Milieu das
unsre ist; ich meine: solange wir aus diesem oder jenem Grunde den Schwerpunkt
unserer äußerlichen Existenz darein verlegt haben, müssen wir in Rom wie die
Römer tun. Quaeritur: ist in unserm Falle diese Milieu-Ehre beleidigt? Sind Sie
es der Gesellschaft schuldig, ihre in Ihnen beleidigte Ehre zu rächen? Ich
glaube: nein. Die ganze unglückselige Angelegenheit ist für den Ihnen
befreundeten und bekannten Kreis tiefes Geheimnis; ich nehme meine Frau und mich
aus, von denen wir hier wohl absehen dürfen.
    Pardon! erwiderte Viktor; ich urteile darin anders und, ich glaube,
richtiger als Sie. Es ist mir nicht gleichgültig, wie Herr von Fernau, der in
die ganze Sache eingeweiht werden musste, über mich denkt: ob er mich für einen
Mann von Principien hält, oder für einen, der seine Principien, ich weiß nicht
welcher sentimentalen Wallung wegen, aufgibt. Herr von Fernau spielt in meinem
speciellen Kreise eine große, und, ich darf sagen, verdiente Rolle. Es handelt
sich
