 zwei Köpfe größer ist als der durchaus
nicht kleine Dichter, sagt zu diesem, während er mit seiner mächtigen breiten
Brust tief aufatmet:
    »Atmest Du noch immer die schwüle Pestluft der Sinnlichkeit? Woran dachtest
Du?«
    Safur erschrickt, besinnt sich einen Augenblick und spricht dann hastig:
    »Nein - nein - ich glaube - ich atme nicht mehr die schwüle Pestluft der
Sinnlichkeit. Ich sehnte mich nur. Ich sehnte mich allerdings - nach einem
Weibe. Aber diese Sehnsucht hatte nach meiner Meinung nichts mit Sinnlichkeit zu
tun - wirklich nichts. Denn, versteh mich nur, das Weib, nach dem ich mich
sehne, lebt noch nicht, ist noch nicht geboren, wird wahrscheinlich nie geboren
werden. Sieh, ich sah so lange da in die Wüste hinein und glaubte zuletzt eine
wilde Dschinne zu sehen mit schwarzem Gesicht und blauen Augen. Ich bilde mir
jetzt fast schon ein, dass diese Dschinne wirklich irgendwo lebt - und ich liebe
diese Dschinne - lieben will ich nicht sagen - das Wort lieben ist zu oft
missbraucht - es sagt mir zu wenig - doch Du verstehst mich ja - atme ich
Pestluft?«
    Tschirsabâl schüttelt den Kopf und erwidert sanft:
    »Nur die gewöhnliche Sinnlichkeit der tierisch lebenden Menschen erzeugt
Pestluft. Wir müssen anders als die Tiere leben. Nicht ein Weib darf das Ziel
unsrer Sehnsucht sein. Die Gottheit müssen wir lieben.«
    »Die Gottheit?« fragt Safur.
    »Ja - den einzigen großen wahren Gott«, versetzt der Priester, »den müssen
wir lieben. Die Götter und Götzen der Erde sind nur die Vermittler zwischen dem
Menschen und dem Einzigen, dessen Namen wir nicht unnütz aussprechen sollen.
Aber -« und hier wird die Stimme des Priesters etwas heiser, »wir sollen den
großen Gott, der die ganze Welt umschließt, wirklich lieben - mit allen Nerven
und mit allen Muskeln, die wir haben. Und wisse - - - der Allgott offenbart sich
in unsrem besten Freunde - und - ja - im Freunde - sollen - wir - den - Gott -
lieben - noch mehr - anders als menschlich lieben. Ja - Du hast Recht - das Wort
lieben genügt nicht, wenn wir die wahre große Leidenschaft bezeichnen wollen, in
der Alles untergeht, die Alles verschlingt - die nur die ewige Vereinigung mit
dem Geliebten will - die daher auch nur ihre ganze Befriedigung - im Tode - im
Letzten - finden kann. Die großen Priester der Erde dürfen nicht lieben wie die
gewöhnlichen Menschen, sie dürfen nur den großen Gott lieben - und ihn sollen
sie lieben im besten Freunde! Safur, versteh mich! Vielleicht hörst Du meine
Worte nicht noch einmal. Vielleicht sterbe ich in der nächsten Stunde, und
Niemand sagt Dir
