 heiligen unterdrückten, im Schweiß ihres Angesichts ringenden
Arbeiter. Sie feierte die Helden vom Knaster und versprach ihnen bei einiger
Geduld das Himmelreich und die - Vergeltung. Sie sagte in rührenden Worten, dass
die andere Hälfte der Menschheit gemach ganz auf die Seite der Unterdrückten
träte. So könne man auch in dieser Versammlung Frauen aus den ersten und
allerersten Kreisen erblicken.
    Während die Lippmann so gefühlvoll redet, meldet sich einer der anwesenden
Männer zum Wort. Er springt aufs Podium und fällt über die Rednerin her. Hier im
Saal der sozialdemokratischen Frauenversammlung brüllt er: den Frauen müsse der
Kopf gewaschen werden, er, der Schneider Wachler sage das. Er hatte nämlich
alles Gesprochene missverstanden. Kanns eine bessere Illustration für den
fortschrittlichen Geist des edlen verkannten Standes geben?« Hildegard lächelte
schwach. Sie war totmüde. »Etwas Neues haben Sie mir da erzählt. Also die
Emanzipierten schon in zwei Lager geteilt. Ich dachte ein gemeinsames Ziel mache
einig.«
    Dann verabschiedete sie sich von ihrer Begleiterin, ging nach Hause und
begab sich zu Bette. Aber sie konnte keinen Schlaf finden. Sie hörte
ununterbrochen die hohen Stimmen der Rednerinnen im Ohre, das
Beifallsgeklatsche, das Gemurmel der sich ihre Bemerkungen zuraunenden Damen.
Und dann dachte sie: Wozu war eigentlich diese Versammlung? Es wurde sehr viel
geredet. Aber hat man etwas Gutes gefördert, einen neuen Gesichtspunkt gefunden?
Man hat geschimpft und getobt und immer das »Wir« ausgespielt. »Wir« wollen,
»Wir« können, »Wir« streben. Das war eine Lüge. Wer ist »Wir«? Etwa die Mehrzahl
der Frauen? Nein. »Wir« ist eine Handvoll anscheinend stärker mit Talenten
Begabter von ihnen, die sich besondere Anerkennung verschaffen wollen. Wenn es
aber nicht nur anscheinend Begabtere wären, wozu dann der ganze Aufwand von Pose
und Teatralik? Zu keiner Zeit, in keinem Lande, unter keinerlei
Lebensverhältnissen ist es wirklicher Begabung unmöglich gemacht worden, sich
durchzusetzen. Hildegard durchflog in Gedanken die Welt- und Kulturgeschichte.
Immer sah man, wie das starke Talent sich den Boden eroberte, den es zu seiner
Entwicklung bedurfte. Denn das starke Talent besitzt den Mut zur Einsamkeit, zum
Alleingehen. Das braucht weder Hinternoch Vordermänner. Es sagt nicht »Wir«
sondern: »Ich«.
    Würden sich einer wirklich groß veranlagten Malerin nicht die Türen aller
Akademien öffnen? Würden einer weiblichen Rechtsgelehrten, die nicht nur das
Gewerbsmässige ihres Berufes, den gedruckten Paragraphen in den gedruckten
Gesetzbüchern erfasst, sondern auch die Kunst des Denkens und geistigen
Besitzergreifens einer Idee versteht, die Pforten der Gerichtssäle verschlossen
bleiben? Mittelmässige Begabung ist kein Anlass, um den Frauen bevorzugte Plätze
in der Arena des Lebenskampfes einzuräumen, es gibt schon mittelmäßige Männer
