 uns
Alles aufgenommen, was heute in der Literatur aller Völker bewegend ist. Wir
können, wenn uns auch bei dieser Gelegenheit einige unregelmässige Verba im
Griechischen entfallen sein sollten (Stöffel: Man denke!), auf diese Tatsache
stolz sein, denn wir haben nach dem ewig citierten, aber sonst nie befolgten
Satze gehandelt: Non scholae, sed vitae discimus (Barmann, sehr laut: Jawohl!
Haben wir auch! Stilpe: Gewiss, haben wir!)
    Wem aber soll unser Leben dienen?
    Irgend einem dieser sackleinenen »wissenschaftlichen« Broterwerbe, als da
sind: Die Lehre, den Menschen juristisch zu verblöden, die Lehre, den Menschen
teologisch zu kastrieren, die Lehre, den Menschen medizinisch zu vergiften, die
Lehre, den Menschen philosophisch zu benebeln, die Lehre, den Menschen
philologisch zu verschweinsledern?
    Bei allen schönen Mädchen und guten Geistern, wir rufen: Nein! Sapristi!
Nein! (Tosender Beifall. Barmann schwingt die Arme.)
    Unser Leben soll der Kunst dienen! Wir wollen Dichter werden!
(Gläserklingen. Hörbare tiefe Schlucke. Stilpe lächelt.)
    Aber eben darum, meine lieben Debattiernaturalisten, müssen wir jetzt unsern
Debattierklub auflösen, dem Naturalismus Lebewohl sagen und den Müsettismus
proklamieren! (Alle möglichen Rufe durcheinander: Wieso!? Was ist das!? Nur
nicht so fix!? Wo hast Du denn das her?)
    Und nun erging sich Stilpe in einer Schilderung der Mürgerschen Bohème, als
eines Musters für alle künstlerischen Seelen, die nicht bloß von Kunst reden,
sondern Kunst leben wollten.
    Natürlich sei »dieser Haufen Steine hier« nicht Paris, und sie selber seien
ja noch für elf Monate »Geisteigene verschiedener patentierter Knabenerzieher«,
aber der Grundgedanke dieses vorbildlichen Lebens: Die Verbindung von Kunst und
Genuss, von revolutionärem Streben und »Lachesinn« (das Wort wurde beanstandet),
kurz das, was er Müsettismus nenne, der müsse und könne gepflegt werden.
    Um praktisch zu reden: Man müsse, statt über Naturalismus zu debattieren, in
fröhlichen Zusammenkünften brav trinken und eigene Lieder singen, man müsse sich
entsprechende Mädchen beilegen, kurz man müsse nicht bloß in Worten, sondern in
Werken »bald zwanzig« sein. So erst werde man sich dem zukünftigen Berufe recht
vorbilden:
Et nous chanterons à la ronde,
Si vous voulez,
Que je l'adore, et qu'elle est blonde
Komme les blés!
Stilpes glutvolle Rede und zumal die Citate aus dem Zigeunerleben wirkten
absolut überzeugend, und der Antrag auf Gründung des Cénacles wurde mit
ungewöhnlicher Begeisterung durch Acclamation angenommen.
    - Vive le cénacle! Vive le cénacle!
    Stilpe konnte die eigentliche Sitzung mit der Verteilung der »Nasenwärmer«
schließen, aus denen innerhalb einer Viertelstunde solche Waffen
