, die er ausgiebig zum Lobe dieses Mädchens hervorbrachte, und deren
Idealismus ihm bitter ernst war.
    Aber es gab auch noch einen andern Gesichtswinkel, unter dem er diese Marta
ansah. Jener Idealismus war mehr das Gefühl aus der Entfernung, eine
Distanceschwärmerei, eine bewegte Andacht hinter blauen Weihrauchnebeln.
Zuweilen aber geriet der schwärmerische Beter durch diesen duftenden Nebel
hindurch und kam auf weiches Fleisch. Und, siehe, mit einem Ruck war die
Situation verändert. Die Gefühle bekamen ein anderes Tempo und einen anderen
Termometergrad; irgend etwas in ihm schien sich zu überschlagen, irgend etwas
pochte von innen an die Wände seines Leibes, - es wurde da etwas lebendig, das
nicht Idealismus war. Der gute Junge hatte böse Tage und bösere Nächte dabei. Es
warf ihn gewaltig hin und her, und durch seine schwärmerischen Verse quollen
zuweilen absonderliche Töne eines unheimlichen Drängens aus der Tiefe.
    Ich glaube, für die Augen der Götter sah seine Seele damals aus wie ein Glas
voll Federweissem, in dem die Gährschichten durcheinanderwallen und die Blasen
steigen. Vielleicht richten die Götter derlei bloß an, weil ihnen dieser
Federweisse der menschlichen Pubertät besonders schmeckt. Für den Menschen selber
aber ist dieser Zustand keine ungemischte Freude.
    Stilpe verkam sichtlich dabei. Er war beim Austragen eines wesentlichen
Stückes seiner selbst: Er ging mit seiner Mannheit schwanger. Vielleicht war es
zu früh, dass es ihm so viel Qualen machte?
    Da war es ein großes Glück für ihn, dass er nun als Ablenkung Ludwig Börne
kennen lernte. Er stürzte sich auf diesen vielbeweglichen blendenden Geist, wie
eine Frau, der es in der Hoffnung nach Dingen gelüstet, die ihr vielleicht
schädlich sind, im Augenblicke aber wohltun. Es verging kein Monat, und er war
ein wütigerer Revolutionär, als sein Freund Girlinger. Selbst seine deutschen
Aufsätze in der Schule brachten Äußerungen zu Tage, die über das erlaubte Maß
der Lobpreisung antiker Freiheitshelden wie Harmodios und Aristogeiton
hinausgingen.
    Aber in seinen Tagebüchern rumorte sich die Empörung seines Wortschatzes am
wildesten aus. Dort fanden sich in wunderlichem Nebeneinander die Namen von
Gajus und Tiberius Gracchus, Katilina, Marat, Danton, Robespiere, August Bebel
und Eugen Richter. Für Majestätsbeleidigungen hatte er sich eine eigene
Geheimschrift erfunden. Der vor vier Wochen noch angebetete Name Bismarcks war
von nun an durch das Zeichen eines Dolches wiedergegeben, wofür die Erklärung
lautete: »Man kann das nehmen, wie man will. Entweder als den Dolch, mit dem
dieser hochfahrende Strunkjunker die Freiheit Deutschlands hingemordet hat, oder
als den Dolch, mit dem er ...? ...«
    Die Freiheit Deutschlands hatte übrigens auch ihr Geheimzeichen (»denn sie
ist ganz und gar verboten«), nämlich ein Epsilon und Gamma, was heißen sollte:
