 dass nichts auf
ihre Psyche so beruhigend, begütigend, ja im eigentlichsten Sinne bessernd und,
wenn die Bonbons besonders auserlesen waren, erhebend wirkte, als die linde sich
lösende Süßigkeit dieser Konditorerzeugnisse, und sie meinte nun, es müsse das
bei dem noch naiveren Kontakt zwischen der kindlichen Zunge und Seele im
Kindesalter erst recht so sein.
    In den einzelnen Fällen hatte es auch immer den Anschein, als ob sie recht
hätte. Der kleine Willibald, so hatte man ihn in der Taufe benannt, reagierte
wie ein Engel auf Bonbons. Aber von der höheren Betrachtungswarte der
väterlichen Kritik aus machte es sich bald bemerkbar, dass das Allgemeinbild der
Willibaldschen Entwickelung sich nicht völlig so süß ausnahm wie die einzelnen
Reaktionserscheinungen. Kurz gesagt: Willibald war außerhalb der jeweiligen
Bonbonwirkungen eine beträchtliche Range.
    Der andre Grund zur Überführung des jungen Knaben ins Freimaurerinstitut lag
mehr auf wissenschaftlichem Gebiete.
    Wenn jemand einen Sohn bekommen hat, so meldet sich, kaum dass die erste
Windel trocken geworden ist, die ernste Frage: Was soll der Junge werden? Ist es
erstaunlich, dass Stilpe-Vaters Antwort darauf mit der Sicherheit einer
Reflexbewegung lautet: ein Lepidopterologe? Diese Antwort ist durchaus
begreiflich. Stilpe senior empfand wie jeder Vater seinen Sohn als eine
Fortsetzung seiner selbst; was lag da näher, als dass er in ihm auch den
zukünftigen Fortsetzer seiner Lebensaufgabe sah? Und nun konnte er sich zwar
sagen, dass er selbst schon manchen Schmetterling zur Ehre der Wissenschaft
aufgespiesst hatte, aber die sattsam bekannte Bescheidenheit unsrer exakten
Wissenschaftler erfüllte ihn doch zu sehr, als dass er nicht auch hätte
hinzufügen müssen: Es gibt immer noch unaufgespiesste Schmetterlinge genug, ja
übergenug. Welch ein lieblicher Gedanke aber, dass der Sohn die Schmetterlinge
einregistrieren wird, die einzuregistrieren dem Vater von einem neidischen
Schicksale versagt gewesen!
    Indessen: Stilpe-Vater war ein starker Geist und wusste die Subjektivität des
väterlich Angenehmen von der Objektivität der Pflichten zu trennen. Er sagte
sich: Man muss alle Türen offen lassen und bis zu dem Zeitpunkt warten, wo man
aus den Schritten des jungen Menschen ungefähr ersehen kann, zu welchen er sich
am fügsamsten leiten lassen wird. Nur nicht schieben und stoßen! Er war durch
seinen Beruf an zartere Hantierung gewöhnt.
    Daher gab er denn seinen Sohn, als der im lateinfähigen Alter war (ach, wie
bald ist das ein Deutscher!), nicht mit plumper Hast auf ein Gymnasium, sondern
richtete sein Augenmerk auf eine Anstalt, die beide Wege, den in die Humaniora,
und den in die Realistika, offen ließ. Eine solche Anstalt war das
Freimaurerinstitut. Im Allgemeinen mehr den realistischen Disziplinen des
menschlichen Wissens gewidmet, besaß es doch auch eine Selekta für die unter
seinen Zöglingen, die es nach den
